Mo. Aug 15th, 2022

Schwächere Wirtschaft, steigende Privatvermögen. Wie das?
In 16 der 27 Mitgliedsstaaten der EU war im Jahr 2020 ein Rückgang des realen Bruttoinlandsproduktes um 6.4 Prozent zu verzeichnen. Während sich der Mittelstand weiterhin ausdünnt, steigt die Zahl der Millionäre signifikant. So ist im gleichen Zeitraum das Privatvermögen um 3.9 Prozent auf einen Spitzenwert von 69 Billionen Euro gestiegen. Deutschland, Frankreich, Grossbritannien und Italien belegten 2020 die Spitzenplätze im EU-Ranking bei den Privatvermögen, die meisten Millionäre leben allerdings in der Schweiz.

Ist Kapitalismus in dieser Form noch tragbar?

Eine der Ursachen, warum trotz sinkender Wirtschaftsleistung die Anzahl der Privatvermögen steigt, mag darin liegen, dass Logenplätze an der Einkommens- und Vermögenspyramide zunehmend von Erben eingenommen werden. So lässt sich leistungslos Vermögen machen und vermehren, deren Grundlage die Erblasser durch ihre Arbeit geschaffen haben.

Die einfache Botschaft des Kapitalismus, Vermögen durch Talent und eigene Anstrengung zu schaffen, wird angesichts dieser Entwicklungen unglaubwürdig. Arbeitsplätze mit gutem Einkommen sind nach wie vor vorhanden und sind die Grundlage des Mittelstandes. Doch gerade der Mittelstand, die tragende Säule des demokratischen Kapitalismus, ist zunehmendem Leistungsdruck ausgesetzt. Vielfach muss dieser Platz durch Einschränkungen, vor allem im privaten Bereich, teuer erkauft werden.

Nicht jeder Millionär in der Schweiz ist auch Eidgenosse

Geht es um die Anzahl der Millionäre im Verhältnis zur Einwohnerzahl, dann ist die Schweiz Spitzenreiter. Im Staat der Eidgenossen sind 14.1 Prozent der etwas über achteinhalb Millionen Einwohner Millionäre. Dies bestätigt auch der Global Wealth Report alle Jahre wieder.

Laut einem Bericht der Handelszeitung vom November 2020, hat jeder Sechste der 300 Reichsten deutsche Wurzeln und das sind insgesamt 49 an der Zahl. Als Gründe werden einerseits das geringere Steuerrisiko, andererseits die Corona-Pandemie genannt, die einen Run auf Luxusimmobilien ausgelöst hat. Aber auch andere Ursachen wie Sicherheit, Banken und Diskretion spielen eine Rolle.

Steuerhürden und soziale Verantwortung. Ein Lösungsansatz?

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) will dieser Entwicklung mit neuerlicher Erhebung der Vermögenssteuer oder Einführung einer gerechten Erbschaftssteuer entgegentreten. Unternehmenserben sollen steuerlich nicht länger bessergestellt sein und in die Kassen des öffentlichen Haushaltes würden so im Jahr zusätzliche fünf bis sieben Milliarden Euro gespült. Die Forderung des Gewerkschaftsbundes ist so gesehen durchaus legitim, wenn diese Mehreinnahmen gleichzeitig für steuerliche Entlastung des Mittelstandes und unterer Einkommen herangezogen werden.

Diese steuerlichen Maßnahmen werden aber nur dann Erfolg haben, wenn gleichzeitig auch die zahlreichen Steuerschlupflöcher für Reiche verschlossen werden. Millionäre werden ansonsten weiterhin und sogar verstärkt in die Schweiz oder dorthin abwandern, wo ihr Vermögen vom Staat relativ unangetastet bleibt.
Weder Steuerhürden, noch medienwirksame Charity-Veranstaltungen mit Blitzlichtgewitter, werden diese Entwicklung verhindern, solange es an der grundsätzlichen sozialen Verantwortung der Erben und Superreichen mangelt.

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