Die führenden amerikanischen Universitäten investieren in Kryptowährungen. Ein Blick auf ihre Forschungsergebnisse zeigt warum.

Hemdsärmelige Anlage-Tipps sind schnell erteilt. Genau wie beim Fussball hat auch auf den Finanzmärkten jeder seine Meinung. Dabei lohnt es sich nachzufragen, ob der vermeintliche Anlageberater eigentlich selbst in das empfohlene Asset investiert hat.

2018 sprachen sich beispielsweise Ökonomen der amerikanischen Yale University dafür aus, bis zu sechs Prozent des Anlageportfolios in Kryptowährungen zu investieren. Und tatsächlich, die Universität folgte ihrem eigenen Ratschlag: Yales 29,2 Milliarden-schwerer Stiftungsfonds investiert in Kryptowährungen. Das gleiche gilt auch für die Fonds der Universitäten Harvard, Stanford und MIT. Wenn die führenden Universitäten der Welt in Kryptowährungen investieren, stellt das der Anlageklasse ein gewisses Qualitätssiegel aus.

Dabei basieren die Anlageentscheidungen der Ivy League-Fonds auf ihren eigenen Forschungsergebnissen. Die Studie “Risk and Return of Cryptocurrency” von Yukun Liu und Aleh Tsyvinski untersuchte im Jahr 2018 Kryptowährungen aus einer traditionellen Finanzmarkt-Perspektive. Tsyvinski sagte in einem Interview:

“Die meisten Studien betrachten Kryptowährungen aus der IT-Perspektive. Eine vollumfängliche ökonomische Analyse gab es bislang allerdings nicht. Wir haben im Prinzip etwas sehr einfaches gemacht: Wir haben die Instrumente der herkömmlichen Finanzanalyse angewandt, um Kryptowährungen besser zu verstehen.“

Das Ergebnis der Studie: Digitale Währungen gehören auch ins Portfolio konservativer Anleger.

Sharpe Ratio: Kryptowährungen sind besser als jede andere Anlageklasse

Die Ökonomen analysierten die Preisbewegungen der drei führenden Kryptowährungen Bitcoin, Ethereum und Ripple und verglichen sie mit traditionellen Anlageklassen. Aus dieser Analyse ging hervor, dass Kryptowährungen den Anleger für die hohe Volatilität mit höheren Renditen kompensierten.

Gemessen wurde das anhand der Sharpe Ratio, eine Kennzahl, die die Rendite eines Assets ins Verhältnis zu ihrem Risiko setzt. Diese Ratio war bei Kryptowährungen im Vergleich zu Aktien oder Anleihen höher. Das heisst, ein Anleger ging mit Krypto-Anlagen zwar ein höheres Risiko ein, er wurde dafür aber mit einer verhältnismässig höheren Rendite belohnt. Tsyvinski sagte dazu:

“Wenn man sich nur das Rendite-Risiko-Verhältnis anschaut, dann verhalten sich Kryptowährungen mehr oder weniger normal.“

Andere Studien kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Das nachfolgende Schaubild basiert auf Marktdaten der Jahre 2013 bis 2019 und zeigt, dass die risikoadjustierte Rendite Bitcoins in den letzten Jahren alle anderen Anlageklassen übertraf.

Investment Thesis

Quelle: INVAO Group Investment Thesis, invao

Kryptowährungen sind „anders“

Die Ökonomen analysierten ausserdem die Faktoren, die die Renditen digitaler Währungen massgeblich beeinflussten. Dabei fiel auf, dass Kryptowährungen im Bezug auf die Preisfindung in keiner Weise mit anderen Anlageklassen zu vergleichen waren. Das unterstreicht die häufig aufgestellte These, dass Kryptowährungen sich gut zur Portfoliodiversifikation eigneten.

Laut der Studie hatte keiner der 155 potentiellen Risikofaktoren des Aktienmarktes einen signifikanten Einfluss auf die Renditen digitaler Währungen. Genauso fanden die Ökonomen auch keinerlei Ähnlichkeiten zwischen dem Kursverhalten von Kryptowährungen und Fiat-Währungen. Selbst mit Edelmetallen wie Gold, Silber oder Platinum konnten die Ökonomen keine Gemeinsamkeiten feststellen.

Noch bemerkenswerter: Selbst einige „krypto-spezifische“ Faktoren, die von Analysten oft zu Prognose-Zwecken herangezogen werden, hatten nur minimale Auswirkungen auf die Renditen. So spielten beispielsweise die Mining-Kosten kaum eine Rolle für die Krypto-Preisentwicklung. Auch die Volatilität hatte kaum Auswirkungen auf das Kursverhalten.

Effektive Prognose-Instrumente

Da sich traditionelle Finanzanalysen nicht zur Kursprognose für Kryptowährungen eigneten, entwickelten die Yale-Ökonomen ihre eigenen Prognose-Instrumente.

Eine Methode, die laut Aussage der Forscher besonders gut funktionierte, sei der sogenannte „Momentum-Effekt“. Demnach tendiere ein Asset nach einem positiven Kursverlauf zu weiteren Kurs-Anstiegen. Die meisten traditionellen Anlageklassen folgten diesem Muster und Kryptowährungen seien davon auch nicht ausgenommen. Tsyvinski kommentiert:

“Wir haben eine einfache Strategie entwickelt, die besagt, dass ein Anleger Bitcoin kaufen sollte, wenn der Wert in der vorangegangenen Woche um mehr als 20 Prozent gestiegen war. Diese Strategie führt zu herausragenden Renditen und einer sehr hohen Sharpe Ratio.“

Auch das öffentliche Interesse habe einen signifikanten Einfluss auf das Kursverhalten. Je stärker Kryptowährungen in den Mittelpunkt der medialen Aufmerksamkeit rückten, desto höher stiegen die Preise. Umgekehrt führten negative Medienkommentare zu fallenden Preisen.

Die Ergebnisse der Studie sind jedoch nicht eins-zu-eins auf das heutige Marktumfeld übertragbar, da sie auf Kursdaten der Jahre 2017 und 2018 basieren. Zu der Zeit wurden Krypto-Märkte überwiegend von der Nachfrage privater Anleger dominiert, während im Jahr 2019 vor allem institutionelle Nachfrage die Preise bestimmt.

Die entscheidende Frage: Wie viel sollten Anleger investieren?

Die Yale-Ökonomen wollen ausdrücklich keine Anlageempfehlungen ausgeben. Trotzdem kam die Studie zu dem Schluss, dass Anleger zwischen einem und sechs Prozent ihrer Portfoliowerte in Kryptowährungen investieren sollten. Diese Ergebnisse basieren zwar auf Marktdaten des Jahres 2017 und 2018, sie stimmen aber auch mit den Ergebnissen jüngerer Studien überein. So kam zum Beispiel eine Studie von Binance im Jahr 2019 zu dem Ergebnis, dass Anleger mindestens ein bis fünf Prozent in Bitcoin investieren sollten.

Die Yale-Studie widerspricht ausserdem dem Lager der Bitcoin-Skeptiker: Die Ausfallwahrscheinlichkeit von Bitcoin liege bei 0.3 Prozent – deutlich niedriger als die vieler Aktien.