Die Europäische Zentralbank (EZB) und die nationalen Zentralbanken der EU wollen die Regeln für Stablecoins deutlich verschärfen. Im Rahmen der laufenden Überprüfung der europäischen MiCA-Regulierung fordert das Europäische System der Zentralbanken (ESZB) unter anderem ein umfassenderes Verbot indirekter Renditen auf Stablecoins. Gleichzeitig sollen die bisherigen Vorgaben für Bankeinlagen als Teil der Stablecoin-Reserven durch neue Liquiditätsanforderungen ersetzt werden.
Die Vorschläge zeigen, dass die europäische Regulierung Stablecoins zunehmend nicht nur als technische Innovation, sondern als potenziellen Teil des traditionellen Finanzsystems betrachtet. Für die Kryptoindustrie könnte das erhebliche Konsequenzen haben.
"Europe's central banks want Brussels to delete a MiCA rule on stablecoin reserves. It forces large issuers to keep 60% of that money in commercial banks. Tether refused an EU license over the same clause." https://t.co/dzkyoQFH2n pic.twitter.com/cCiXSkkmLH
— Paolo Ardoino 🤖 (@paoloardoino) September 22, 2026
EZB will Umgehung des Renditeverbots schließen
Nach den derzeitigen MiCA-Regeln dürfen bestimmte Anbieter keine direkten Zinsen oder vergleichbaren Erträge auf E-Geld-Token zahlen. Aus Sicht des ESZB reicht diese Regelung jedoch nicht aus.
Krypto-Plattformen könnten Stablecoins beispielsweise über Lending-, Borrowing- oder Staking-Strukturen mit einer Rendite versehen, ohne dass der Stablecoin selbst offiziell Zinsen zahlt. Genau diese indirekten Modelle will das ESZB stärker erfassen.
In seiner Stellungnahme zur MiCA-Überprüfung fordert das ESZB deshalb, das Verbot ausdrücklich auf direkte und indirekte Formen der Vergütung auszuweiten.
Die Begründung lautet: Stablecoins sollen in erster Linie als Zahlungs- und Abwicklungsinstrumente dienen und nicht zu einer Art digitalem Sparkonto werden.
Das ist aus Sicht der Zentralbanken nachvollziehbar. Gleichzeitig stellt sich eine grundsätzliche Frage: Wie weit soll Regulierung gehen, wenn ein Nutzer mit einem Stablecoin über eine separate Finanzdienstleistung eine Rendite erzielt?
Denn technisch und wirtschaftlich handelt es sich dabei nicht zwingend um dasselbe Produkt.
Kritikpunkt: Ein immer größerer Regulierungsrahmen
Die geplante Ausweitung könnte dazu führen, dass immer mehr Geschäftsmodelle rund um Stablecoins unter ein pauschales Renditeverbot fallen.
Das könnte insbesondere Krypto-Plattformen treffen, die Stablecoins für Lending oder andere Finanzanwendungen verwenden. Für Nutzer würde dadurch ein Teil der wirtschaftlichen Funktionen wegfallen, die Stablecoins von klassischen digitalen Zahlungsmitteln unterscheiden.
Gleichzeitig könnte eine strenge Regulierung etablierte Banken relativ stärker schützen. Genau diese Konkurrenzfrage steht bereits im Hintergrund der internationalen Debatte über Stablecoin-Renditen.
Die EZB argumentiert, dass Stablecoins ansonsten zunehmend mit Bankeinlagen konkurrieren könnten. EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel hatte bereits im Juni 2026 darauf hingewiesen, dass Stablecoins bei einer breiteren Nutzung Auswirkungen auf Bankenfinanzierung, Finanzstabilität und die geldpolitische Transmission haben könnten.
Damit wird deutlich: Es geht längst nicht mehr nur um Krypto-Regulierung. Stablecoins werden von Zentralbanken als potenzieller Bestandteil der zukünftigen Geld- und Finanzmarktinfrastruktur betrachtet.
MiCA-Reservepflicht könnte ebenfalls vor einem Umbau stehen
Noch interessanter ist der zweite Vorschlag.
Nach den derzeitigen MiCA-Regeln müssen Stablecoin-Emittenten einen Teil ihrer Reserven als Bankeinlagen halten. Bei bestimmten nicht signifikanten Stablecoins liegt die Schwelle bei 30 Prozent. Für signifikante Stablecoins steigt sie auf 60 Prozent.
Genau diese festen Vorgaben möchte das ESZB ersetzen.
Statt einer bestimmten Quote an Bankeinlagen sollen Liquiditätsanforderungen stärker bestimmen, wie schnell ein Emittent auf seine Reserven zugreifen kann.
Das klingt zunächst technisch. Tatsächlich könnte es eine erhebliche Veränderung des Stablecoin-Modells bedeuten.
Liquidität statt Bankeinlagen
Das zentrale Argument der Zentralbanken lautet: Ein Stablecoin kann zwar große Reserven bei einer Bank halten, diese Einlagen sind im Krisenfall aber nicht automatisch sofort verfügbar.
Kommt es zu massiven Rücknahmen, könnte ein Emittent gleichzeitig große Beträge von Banken abziehen müssen. Dadurch entsteht ein zusätzliches Risiko für die betroffenen Institute.
Als Beispiel verweist die EZB auf die Ereignisse rund um Silicon Valley Bank im März 2023. Damals standen 3,3 Milliarden US-Dollar der USDC-Reserven von Circle bei der zusammengebrochenen Bank. Die Unsicherheit über diese Reserven trug wesentlich zum kurzfristigen Verlust der Dollarbindung von USDC bei.
Aus Sicht der EZB zeigt der Fall ein grundsätzliches Problem: Stablecoins können sowohl von Banken abhängig sein als auch selbst zu einem Auslöser für Liquiditätsabflüsse werden.
Die Ironie der neuen Stablecoin-Regeln
Hier liegt allerdings eine interessante Widersprüchlichkeit.
Einerseits will die europäische Regulierung Stablecoins stärker in einen kontrollierten regulatorischen Rahmen bringen. Andererseits könnte eine sehr restriktive Regulierung genau jene Anbieter und Geschäftsmodelle aus Europa verdrängen, die eigentlich unter europäischer Aufsicht stehen sollen.
Stablecoin-Unternehmen benötigen schließlich nicht nur regulatorische Klarheit, sondern auch wirtschaftlich tragfähige Geschäftsmodelle.
Wenn direkte und indirekte Renditemodelle eingeschränkt werden und gleichzeitig hohe Liquiditätsanforderungen entstehen, wird der Betrieb eines Stablecoins potenziell komplizierter und weniger attraktiv.
Das könnte insbesondere für kleinere europäische Anbieter problematisch werden.
Europa riskiert ein weiteres Mal einen Spagat
Die EU verfolgt mit MiCA grundsätzlich einen anderen Ansatz als viele andere Regionen: Unternehmen sollen klare Regeln bekommen und innerhalb eines einheitlichen Rechtsrahmens arbeiten können.
Das ist ein Vorteil für Rechtssicherheit.
Doch Regulierung funktioniert nur dann als Standortvorteil, wenn die Regeln gleichzeitig praktikabel bleiben.
Gerade beim Thema Stablecoins entsteht deshalb ein schwieriger Spagat. Die EU will Risiken für Banken und Finanzstabilität begrenzen, gleichzeitig aber die Entwicklung digitaler Finanzmärkte nicht abwürgen.
Die aktuelle Entwicklung zeigt, dass dieser Spagat noch nicht gelöst ist.
Stablecoins werden zum geopolitischen Thema
Hinzu kommt ein weiteres Problem: Der Stablecoin-Markt wird weiterhin massiv vom US-Dollar dominiert.
Die EZB selbst weist darauf hin, dass praktisch alle bedeutenden Stablecoins auf den US-Dollar ausgerichtet sind und dass eine weitere Verbreitung von Dollar-Stablecoins die internationale Rolle des US-Dollar sogar stärken könnte.
Damit entsteht für Europa ein strategisches Dilemma.
Je stärker digitale Zahlungen und tokenisierte Finanzmärkte wachsen, desto wichtiger werden Stablecoins. Wenn gleichzeitig der überwiegende Teil dieser Stablecoins auf US-Dollar basiert, könnte die Digitalisierung des Finanzsystems die globale Bedeutung des Dollars weiter verstärken.
Das ist aus Sicht der EZB auch deshalb problematisch, weil der Euro bei tokenisierten Finanzanwendungen gegenüber Dollar-basierten Systemen an Bedeutung verlieren könnte.
EZB baut gleichzeitig selbst digitale Finanzinfrastruktur auf
Bemerkenswert ist der Zeitpunkt der Diskussion.
Nur einen Tag vor der aktuellen MiCA-Stellungnahme startete das Eurosystem mit „Pontes“ eine Infrastruktur, über die tokenisierte Vermögenswerte mit Zentralbankgeld abgewickelt werden können. Die EZB bezeichnet dies als ersten Schritt ihrer Strategie, Zentralbankgeld für eine tokenisierte Finanzwelt nutzbar zu machen.
Die EZB bereitet zudem eigene Investitionen in tokenisierte Wertpapiere vor, um praktische Erfahrungen mit Distributed-Ledger-Technologie zu sammeln.
Damit entsteht ein bemerkenswertes Bild: Während private Stablecoin-Anbieter stärker reguliert werden sollen, baut das Eurosystem gleichzeitig seine eigene Infrastruktur für tokenisierte Finanzmärkte aus.
Das muss kein Widerspruch sein. Es zeigt aber, dass der Wettbewerb um die zukünftige digitale Finanzinfrastruktur längst begonnen hat.
Was bedeutet das für den Stablecoin-Markt?
Für Unternehmen und Nutzer zeichnen sich mehrere mögliche Folgen ab:
- Renditemodelle rund um Stablecoins könnten in der EU weiter eingeschränkt werden.
- Lending- und Staking-Angebote könnten stärker unter die MiCA-Regeln fallen.
- Stablecoin-Emittenten könnten ihre Reserve-Strukturen verändern müssen.
- Liquidität könnte regulatorisch wichtiger werden als eine fixe Bankeinlagenquote.
- Kleinere europäische Stablecoin-Anbieter könnten mit höheren Anforderungen konfrontiert werden.
- Dollar-Stablecoins könnten trotz europäischer Regulierung ihre internationale Dominanz weiter ausbauen.
Wichtig ist dabei: Die Vorschläge des ESZB sind noch keine neuen gesetzlichen Regeln. Es handelt sich um eine Stellungnahme im Rahmen der Überprüfung von MiCA.
Fazit: Schutz vor Risiken oder zu viel Regulierung?
Die Argumente der EZB sind nicht aus der Luft gegriffen. Stablecoins können Liquiditätsrisiken erzeugen, mit Banken interagieren und bei hoher Verbreitung Auswirkungen auf die Finanzstabilität und Geldpolitik haben. Die Ereignisse rund um Silicon Valley Bank und USDC haben gezeigt, dass diese Risiken real sein können.
Kritisch bleibt jedoch die Frage, ob ein immer dichteres Regelwerk tatsächlich zu einem stabileren europäischen Stablecoin-Markt führt – oder ob innovative Anbieter und Nutzer zunehmend auf andere Jurisdiktionen ausweichen.
Besonders das geplante Verbot indirekter Renditen dürfte für die Kryptoindustrie relevant werden. Die Grenze zwischen einem Stablecoin als Zahlungsmittel und einem Stablecoin als Bestandteil eines Finanzprodukts wird dadurch regulatorisch immer wichtiger.
Europa steht damit vor einer grundsätzlichen Entscheidung: Soll MiCA vor allem Risiken begrenzen – oder soll die Regulierung gleichzeitig Raum für neue digitale Finanzmodelle lassen?
Die Antwort darauf wird wesentlich mitbestimmen, welche Rolle Europa im zukünftigen Stablecoin- und Tokenisierungsmarkt spielen kann.






