Di.. Okt. 13th, 2026

Ein breites Bündnis aus etablierten Finanzmarkt-Playern und der Krypto-Branche schlägt Alarm: In einem offenen Brief an EU-Rat und Europaparlament fordern über 25 Unternehmen und Verbände – darunter die Börse Stuttgart Group, Nasdaq, Securitize und der europäische Krypto-Lobbyverband Adan – deutlich großzügigere Volumengrenzen für tokenisierte Wertpapiere in der EU. Sonst, so die Warnung, verliert Europa den globalen Wettlauf um die Tokenisierung der Finanzmärkte.

Worum es geht: das DLT Pilot Regime

Die EU experimentiert seit 2023 mit dem sogenannten DLT Pilot Regime (DLTPR) – einer Testumgebung, in der Börsen und Marktinfrastrukturen Wertpapiere direkt auf einer Blockchain (Distributed Ledger Technology, DLT) handeln und abwickeln dürfen, ohne die volle Wucht der klassischen Wertpapierregulierung anwenden zu müssen. Das Ziel: der EU-Finanzindustrie einen sicheren Rahmen geben, um Tokenisierung auszuprobieren, bevor daraus dauerhaftes Recht wird.

Das Problem dabei war von Anfang an die Obergrenze: Wie viel Marktkapitalisierung darf über eine solche DLT-Infrastruktur überhaupt laufen? Bisher liegt der Deckel bei mickrigen 6 Milliarden Euro – für ernsthafte institutionelle Projekte praktisch unbrauchbar.

Aktuell verhandelt Brüssel im Rahmen des Market Integration & Supervision Package (MISP) eine Reform des Regimes. Die EU-Kommission hat vorgeschlagen, den Deckel auf bis zu 100 Milliarden Euro anzuheben. Klingt nach viel – ist es laut der Unterzeichner des Briefs aber nicht.

„100 Milliarden reichen nicht“ – die Kernforderung

In ihrem Schreiben vom 7. September 2026 an die Ratspräsidentschaft, die Mitgliedstaaten und den ECON-Ausschuss des Europaparlaments machen die Unterzeichner klar: Manche europäische Tokenisierungsprojekte bewegen sich schon heute im Bereich von 350 Milliarden Euro – und wachsen weiter. Die vorgeschlagenen 100 Milliarden würden diese Projekte also ausbremsen, noch bevor die neue Regel überhaupt in Kraft tritt.

Wichtig für das Verständnis: Die Schwelle bezieht sich nicht auf das Handelsvolumen, sondern auf die Marktkapitalisierung der zugelassenen Instrumente. Gemessen an den globalen Aktienmärkten sei ein Deckel von 100 Milliarden Euro entsprechend bescheiden, so die Industrie.

Die Forderung der Unterzeichner läuft auf zwei Optionen hinaus:

  1. Der mutige Weg: Die Obergrenze für das reguläre DLT-Regime komplett abschaffen.
  2. Der pragmatische Weg: Falls Politik an einer festen Zahl festhalten will, dann bitte hoch genug – als Richtwert werden 1.500 Milliarden Euro genannt, ein Wert, der laut Papier bereits in aktuellen Verhandlungen im Raum steht.

Zusätzlich soll die EU-Kommission die Möglichkeit bekommen, diese Schwelle flexibel und ohne fest einprogrammierte Obergrenze an die Marktentwicklung anzupassen – damit die Regel nicht in ein paar Jahren schon wieder veraltet ist.

Der Blick über den Atlantik

Als Vergleichspunkt verweist der Brief auf die USA: Dort darf eine dominante Verwahr- und Abwicklungsplattform US-Aktien und andere Vermögenswerte tokenisieren – ganz ohne Volumengrenze. Hochgerechnet könnte dieses Volumen bis zu 150 Billionen US-Dollar erreichen. Das wäre rund das Hundertfache der 1.500 Milliarden Euro, die die Unterzeichner für Europa als Untergrenze fordern. Die Botschaft: Wenn Europa hier zu vorsichtig reguliert, wandert das Geschäft schlicht in Jurisdiktionen mit großzügigeren Regeln ab.

Gleiches Spiel, gleiche Regeln

Ein zweiter Streitpunkt betrifft die Gleichbehandlung innerhalb der EU selbst. Im Raum steht ein Modell mit unterschiedlichen Schwellen je nach Marktteilnehmer: 100 Milliarden Euro (mit Erhöhungsoption bis 250 Milliarden) für DLT-Marktinfrastrukturen, aber 500 Milliarden Euro (mit Erhöhungsoption bis 1 Billion) für klassische Zentralverwahrer (CSDs) unter der Settlement-Finality-Richtlinie.

Die Unterzeichner lehnen das entschieden ab. Ihr Argument, kurz zusammengefasst: Same business, same risks, same rules. Wer das gleiche Geschäft mit vergleichbaren Risiken betreibt, sollte nicht durch unterschiedliche Kapitalobergrenzen benachteiligt werden – sonst entsteht ein unfairer Wettbewerbsvorteil für etablierte Zentralverwahrer gegenüber neuen DLT-basierten Marktinfrastrukturen.

Wer steht dahinter?

Bemerkenswert ist die Breite der Unterzeichner-Liste. Neben Marktinfrastruktur-Schwergewichten wie Börse Stuttgart Group und Nasdaq sind zahlreiche Tokenisierungs- und Krypto-Unternehmen dabei, etwa 21X, Axiology, Securitize, STX/Bit2Me, Dowgo, die Lightning Stock Exchange (Lise) und Cashlink. Dazu kommt eine lange Reihe nationaler und europäischer Branchenverbände – darunter Adan, der Crypto Council for Innovation (CCI), die European Digital Finance Association (EDFA), das European Ethereum Institute, die Coalition for Tokenized Markets sowie nationale Fintech-Verbände aus Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Tschechien, den Niederlanden und Schweden.

Diese Bandbreite – von der traditionellen Börse bis zum Krypto-Start-up – soll den Verhandlungsführern in Brüssel offenbar signalisieren: Hier geht es nicht um Partikularinteressen einzelner Krypto-Firmen, sondern um eine branchenübergreifende Einschätzung, wie Europa im globalen Tokenisierungsrennen wettbewerbsfähig bleibt.

Warum das auch für die Schweiz relevant ist

Die Schweiz hat mit dem DLT-Gesetz und der FINMA-Bewilligungspraxis schon früh einen eigenen Rechtsrahmen für tokenisierte Wertpapiere geschaffen und gilt in der Branche als vergleichsweise fortschrittlich. Wie großzügig oder restriktiv die EU ihr eigenes Regime am Ende ausgestaltet, dürfte trotzdem auch hierzulande mit Interesse verfolgt werden: Ein DLT-freundlicher EU-Binnenmarkt mit hohen oder gar keinen Volumengrenzen würde den Standortwettbewerb in Europa neu justieren – mit Auswirkungen auch auf Schweizer Marktteilnehmer, die europaweit tätig sind oder mit EU-Partnern kooperieren.

Der Ball liegt nun bei Rat und Parlament: Sie verhandeln derzeit die endgültige Fassung des MISP. Ob die geforderten 1.500 Milliarden Euro – oder gar der komplette Verzicht auf einen Deckel – am Ende Realität werden, dürfte sich in den kommenden Monaten entscheiden.


Quelle: Offener Brief an den Rat der Europäischen Union und das Europäische Parlament (ECON-Ausschuss), 07.09.2026. (PDF)

By Christian Mäder

Publisher and Founder » Christian Mäder on LinkedIn Covering Bitcoin from Switzerland — in English and German. News, press releases, embargoes and story tips: christian@bitcoinnews.ch