| Von Ryan Lee, Chefanalyst bei Bitget Research |
Bitcoin notiert nahe 78’000 bis 79’000 US-Dollar (USD), Ethereum bei rund 2’400 bis 2’500 USD (Stand: Ende August). Beide liegen im Jahresverlauf im Minus, nachdem Bitcoin im Oktober 2025 ein Hoch nahe 126’000 USD erreicht hatte. Die Frage vor dem vierten Quartal ist, ob die aktuellen Bedingungen eine stabilere Marktstruktur bis zum Jahresende tragen können.
ETF-Flows, fiskalische Bedingungen und globale Liquidität prägen Kursentwicklung
Mitte August überschritt die US-Verschuldung 40 Billionen US-Dollar, und das Finanzministerium verdoppelte die Rückkäufe langlaufender Anleihen. Bitcoin legte innerhalb einer Woche zusammen mit Gold um 23 bis 27 Prozent zu, die ETF-Flows zogen an. Die Bewegung fiel mit einer breiteren Diskussion über fiskalische Nachhaltigkeit, Währungsentwertung und die Nachfrage nach harten Vermögenswerten zusammen. Dass diese Faktoren die alleinige Ursache waren, belegen die Daten nicht. Das Timing legt aber nahe, dass Makrofaktoren eine wichtige Rolle spielten. Anders als in früheren Zyklen prägen ETF-Flows, fiskalische Bedingungen und globale Liquidität die Kursentwicklung zunehmend mit.
Diese Verschiebung rückt auch den Vierjahreszyklus in ein neues Licht. Auf das Halving 2024 folgte etwa 18 Monate später das Bitcoin-Hoch im Oktober 2025, was in den historisch beobachteten Bereich fällt. Doch jedes Halving entfernt einen kleineren Anteil des neuen Angebots im Verhältnis zum zirkulierenden Bitcoin, während ETF-Flows, institutionelle Beteiligung und globale Liquidität bei der Preisbildung an Gewicht gewinnen. Zyklusmodell und Q4-Saisonalität bleiben ein nützlicher Bezugspunkt, aber kein verlässlicher Einzelindikator.
Zentrale Treiber
Das makroökonomische Umfeld dreht sich um Zinserwartungen, Inflation, den US-Dollar, Liquiditätsoperationen des Finanzministeriums und Signale der Federal Reserve. Ein schwächerer Dollar und geringere Zinserhöhungserwartungen könnten die Liquiditätsbedingungen stützen, was historisch in manchen Phasen konstruktiv für Krypto war. Das Hauptrisiko ist eine Inflationsüberraschung, die die Erwartungen in Richtung strafferer Geldpolitik verschiebt, mit einem stärkeren Dollar, strafferen Finanzierungsbedingungen und schwächerer Risikobereitschaft als Folge. Innerhalb des Marktes könnten anhaltende Bitcoin-ETF-Flows, ein wachsendes Stablecoin-Angebot und regulatorische Fortschritte die institutionelle Beteiligung stützen.
Sektoren: Stablecoins und RWAs voraus
Stablecoins und tokenisierte Real-World-Assets (RWAs) bleiben die interessantesten Sektoren. Das Stablecoin-Angebot liegt bei rund 300 bis 320 Milliarden US-Dollar und wächst weiter, getragen von Zahlungs- und institutionellen Anwendungsfällen. Tokenisierte RWAs, insbesondere Treasuries, erreichen neue Höchststände. Beide adressieren erkennbare Bedürfnisse rund um Zahlungen, Abwicklung und Zugang zu traditionellen Vermögenswerten, was ihnen einen direkteren Weg verschafft als den meisten anderen.
Andere Sektoren sind weniger gefestigt. Die L2-Aktivität konzentriert sich auf die führenden Netzwerke, die DeFi-TVL tendierte seitwärts. KI-Krypto-Anwendungen und regelkonforme Tokenisierungsplattformen könnten relevant bleiben, wenn sie nachhaltige Liquidität, wiederkehrende Nutzung und klare Produktstrukturen nachweisen.
Ausblick bis zum Jahresende
ETF-Flow-Daten, Inflationswerte und Geldpolitik verraten wahrscheinlich mehr über den Kryptomarkt bis Jahresende als jede kryptospezifische Entwicklung.
Bleiben die ETF-Flows positiv und werden die Makrobedingungen weniger restriktiv, könnte Bitcoin kurzfristig in einer Bandbreite bleiben und den Bereich von 85’000 bis 100’000 USD testen. Kommt anhaltende Handelsdynamik mit grösserer regulatorischer Klarheit zusammen, ist eine Bewegung in Richtung 110’000 bis 150’000 USD möglich. Ein restriktiveres Makroumfeld als erwartet oder ein Liquiditätsschock könnte die Abwärtsvolatilität erhöhen und den Bereich von 55’000 bis 65’000 USD wieder in den Blick rücken.







