21 Grossbanken – darunter auch die Schweizer UBS – wollen gemeinsam einen Dollar-Stablecoin lancieren. Ab 2027 soll er live gehen, ein Euro-Token folgt später. Ist das der Startschuss für eine echte globale „Super-Stablecoin“-Infrastruktur – oder wiederholt sich hier die Geschichte von Libra/Diem, nur diesmal in Bankenhand?
Am 1. September haben 21 internationale Finanzinstitute angekündigt, gemeinsam ein neues Unternehmen zu gründen, das Stablecoins für Zahlungsverkehr und die Abwicklung digitaler Vermögenswerte herausgeben soll. Mit dabei: absolute Schwergewichte wie Bank of America, Citi, Goldman Sachs, Wells Fargo, Deutsche Bank, Santander, MUFG Bank – und mit der UBS auch ein Schweizer Name. Das Vorhaben ist bemerkenswert, weil es sich nicht um ein weiteres Krypto-Startup handelt, sondern um einen koordinierten Vorstoss der klassischen Bankenwelt, direkt ins Kerngeschäft von Tether und Circle vorzudringen.
Vom 10er- zum 21er-Klub
Das Projekt ist nicht neu, aber es wächst rasant. Im Oktober 2025 hatten zehn Banken erstmals über ein reserve-gedecktes digitales Zahlungsmittel auf öffentlichen Blockchains nachgedacht. Innerhalb eines Jahres hat sich die Gruppe mehr als verdoppelt und deckt nun Nordamerika, Europa, Ostasien, den Nahen Osten und Afrika ab. Das neue, noch namenlose Unternehmen soll in der zweiten Jahreshälfte 2026 gegründet werden – vorbehaltlich der üblichen Vollzugsbedingungen. Das erste Produkt: ein auf US-Dollar lautender Stablecoin, der in der ersten Hälfte 2027 an den Markt kommen soll. Als Nächstes ist ein Euro-Token geplant, danach sollen weitere G7-Währungen folgen. Zielgruppen sind explizit Wholesale-, Institutions- und Retail-Anwendungen, inklusive grenzüberschreitender Zahlungen.
Genau das ist der Kern der „Super-Stablecoin“-Idee: Statt eines einzelnen Dollar-Tokens entsteht potenziell eine multi-währungsfähige, bankengestützte Infrastruktur, die von Anfang an regulatorisch auf Linie gebracht wird – die Initiatoren verweisen ausdrücklich auf Konformität mit dem US-GENIUS Act und der europäischen MiCA-Verordnung.
Warum das den Markt nervös macht
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Der gesamte Stablecoin-Markt ist seit Anfang 2025 von rund 200 Milliarden auf etwa 303 Milliarden US-Dollar gewachsen (Stand 1. September 2026). Tether (USDT) hält davon rund 60 Prozent, Circles USD Coin (USDC) über 20 Prozent. Am Tag der Ankündigung verlor die Circle-Aktie rund 6 Prozent – ein Hinweis darauf, wie ernst der Markt die Konkurrenz durch bankeneigene Stablecoins nimmt, zumal Circle in diesem Quartal bereits durch die Rivalin Open USD (unterstützt von Stripe, Coinbase und BlackRock) unter Druck geraten war.
Institutionell ist der Boden längst bereitet: Eine Fireblocks-Umfrage unter 295 Führungskräften zeigte bereits Anfang 2025, dass 90 Prozent Stablecoins nutzten oder deren Einsatz planten. Die Societe-Generale-Kryptotochter hat bereits Euro- und Dollar-Stablecoins ausgegeben, Fidelity lancierte dieses Jahr den eigenen FIDD-Token, und Standard Chartered stieg letzten Monat bei einem Hongkong-Dollar-Stablecoin-Projekt ein. Auch die Aufsicht bewegt sich: Singapur hat am 1. September angekündigt, seinen regulatorischen Rahmen für gemeinsam ausgegebene, grenzüberschreitende Stablecoins zu öffnen – ein Kurswechsel gegenüber der bisherigen Beschränkung auf rein national ausgegebene Token.
Der Schweiz-Faktor – und die Libra-Erinnerung
Für Schweizer Leserinnen und Leser ist die UBS-Beteiligung der naheliegende Aufhänger. Aber es gibt noch eine zweite, unangenehmere Parallele: Genau in Genf war einst Facebooks Libra respektive Diem beheimatet – ebenfalls der Versuch, eine globale, multi-währungsfähige „Super-Währung“ auf Blockchain-Basis zu schaffen, getragen von einem Konsortium grosser Konzerne. Das Projekt scheiterte 2022 am politischen und regulatorischen Widerstand grosser Zentralbanken und Aufsichtsbehörden, bevor überhaupt ein Coin im Umlauf war.
Der entscheidende Unterschied diesmal: Es sind nicht Tech-Konzerne, sondern die Banken selbst, die das Projekt tragen – inklusive der Aufsicht, mit der sie ohnehin schon eng verzahnt sind. Das macht einen regulatorischen Show-Stopper wie bei Libra deutlich unwahrscheinlicher. Ob daraus aber tatsächlich der erste „Super-Stablecoin“ mit globaler Reichweite über mehrere Währungen hinweg wird, hängt an sehr vielen offenen Fragen: Governance-Struktur, Reserve-Management, technische Interoperabilität zwischen den Ketten – und nicht zuletzt daran, ob sich 21 teils konkurrierende Grossbanken auch nach der Gründungsphase noch einig sind.
Fazit
Ob „Super-Stablecoin“ oder nicht: Diese Ankündigung ist der bisher deutlichste Beweis dafür, dass die etablierte Finanzwelt Stablecoins nicht mehr Tether und Circle überlassen will. Für den Krypto-Markt bedeutet das mittelfristig mehr Konkurrenz, mehr Liquidität – und wohl auch mehr regulatorischen Druck auf die bestehenden Platzhirsche. Bis 2027 bleibt aber Zeit, in der aus einer Absichtserklärung erst noch ein funktionierendes Produkt werden muss.
Quellen (Primärquellen):







