Es gibt einen Moment, in dem eine Idee aufhört, ein Konferenz-Panel zu sein, und anfängt, ein Markt zu werden. Beim digitalen Franken war das der 8. April 2026: UBS, PostFinance, Raiffeisen, die Zürcher Kantonalbank, die BCV und Sygnum kündigten gemeinsam mit der Swiss Stablecoin AG eine CHF-Stablecoin-Sandbox an. Sechs Banken, ein Emittent, ein Ziel – der Franken auf der Blockchain.
Nur: Sie sind spät dran. Und sie sind nicht allein.
Mindestens sieben Projekte kämpfen derzeit darum, der digitale Franken zu werden. Dazu kommt die Nationalbank, die seit Ende 2023 einen echten digitalen Franken ausgibt – nur eben nicht für Sie und mich. Eine Bestandsaufnahme, ein Ranking und eine Prognose.
Zuerst die unangenehme Zahl
Sämtliche Franken-Stablecoins der Welt zusammen sind heute rund 98 Millionen US-Dollar wert. Umgerechnet etwa 80 Millionen Franken.
Zum Vergleich: Der globale Stablecoin-Markt bewegt sich in der Grössenordnung von mehreren hundert Milliarden Dollar, praktisch vollständig dominiert von USDT und USDC. Der Franken – die Fluchtwährung schlechthin, das Symbol monetärer Solidität – hat on-chain einen Marktanteil von ungefähr 0,03 Prozent.
Das ist der Ausgangspunkt. Alles, was folgt, ist ein Rennen um einen Markt, den es im Grunde noch gar nicht gibt.
Die sieben Kandidaten
1. CHFAU – der Marktführer, der aus Deutschland kommt
Herausgeber: AllUnity (Joint Venture von DWS/Deutsche Bank, Galaxy Digital und Flow Traders) Chain: Ethereum, seit August 2026 auch Solana Grösse: rund 50 Mio. USD – die klare Nummer 1 Regulierung: E-Geld-Institut unter BaFin-Aufsicht, MiCAR-konform
Die grösste Ironie der Schweizer Stablecoin-Geschichte: Der erfolgreichste Franken-Stablecoin ist ein deutsches Produkt. AllUnity lancierte CHFAU im Februar 2026, zog es in wenigen Monaten auf rund 50 Millionen und ging Anfang August zusätzlich auf Solana live.
Möglich wurde das, weil AllUnity eine europäische E-Geld-Lizenz besitzt. In der Schweiz wäre derselbe Token unter der bisherigen FINMA-Praxis kaum emittierbar gewesen – dazu später mehr.
Stärke: institutionelle Glaubwürdigkeit, funktionierender Vertrieb, MiCAR-Rechtssicherheit im gesamten EWR. Schwäche: Ein Franken-Token ohne Schweizer Verankerung. Wer in der Schweiz zahlt, zahlt mit TWINT.
2. ZCHF (Frankencoin) – der Aussenseiter mit echter Nutzung
Herausgeber: niemand. Ein Protokoll, getragen vom Frankencoin-Verein Chain: Ethereum Grösse: rund 43 Mio. USD Regulierung: keine – dezentral, überbesichert, ohne Emittentin
Der Frankencoin ist das ehrlichste Projekt der Liste, weil er nie versucht hat, den Banken zu gefallen. Er wird nicht durch Bankguthaben gedeckt, sondern durch überbesicherte Kreditpositionen, die über ein Auktionsverfahren liquidiert werden. Kein Oracle, kein Emittent, keine Whitelist.
Und er hat etwas, das den regulierten Konkurrenten fehlt: tägliches Handelsvolumen im sechsstelligen Bereich – deutlich mehr als CHFAU, trotz kleinerer Marktkapitalisierung. Der Frankencoin wird benutzt, nicht nur gehalten.
Stärke: funktionierendes DeFi-Ökosystem, glaubwürdige Dezentralität, echte Liquidität. Schwäche: Für eine Bank, einen Treasurer oder ein KMU ist ein Token ohne Emittentin und ohne Aufsicht schlicht nicht anfassbar.
3. CHFD – der Kandidat der Bankenschweiz
Herausgeber: Swiss Stablecoin AG (Bern), gegründet 2022 von alt Ständerätin Pascale Bruderer Chain: chain-agnostisch, in der Sandbox Ethereum/ERC-20 Grösse: aktuell unter 1 Mio. Franken – bewusst Regulierung: VQF-Anschluss, FINMA vorinformiert, Unterstellungsanfrage erfolgt
Auf dem Papier der stärkste Kandidat: Hinter dem CHFD stehen mit UBS und Raiffeisen zwei systemrelevante Banken, dazu PostFinance, ZKB, BCV und Sygnum. Im Verwaltungsrat sitzen unter anderem der TWINT-Mitgründer Thierry Kneissler und ein früherer SIX-Manager.
Die Sandbox läuft im zweiten Halbjahr 2026. Der Umlauf bleibt absichtlich unter einer Million Franken – so greift die Ausnahmeregelung der Schweizer Fintech-Sandbox, und es braucht keine Bankgarantie. Die Reserven liegen ausschliesslich als Cash bei einer regulierten Schweizer Bank, getrennt vom operativen Vermögen. Keine Anlage in verzinsliche Wertpapiere, anders als bei den grossen internationalen Modellen.
Stärke: Vertrieb. Wenn PostFinance und die ZKB einen Token in ihre Apps legen, ist die Distributionsfrage in einem Satz gelöst. Schwäche: Tempo und Ertragsmodell. Eine Sandbox mit einer Million Franken Obergrenze ist kein Markt, sondern ein Beweis – und wer nur Cash hält, verdient bei null Prozent Leitzins exakt nichts.
4. VCHF – der stille Dritte
Herausgeber: VNX (Liechtenstein) Chain: Multichain Grösse: rund 5 Mio. USD
VNX macht seit Jahren dasselbe, ohne viel Lärm: regulierte, fiat-gedeckte Token für Nischenwährungen, über mehrere Blockchains verteilt. Der VCHF ist damit die Nummer 3 – mit zehnfachem Abstand zu den beiden Führenden, aber auch mit zehnfachem Abstand nach unten.
Stärke: existiert, funktioniert, ist erreichbar. Schwäche: kein Narrativ, keine Bank, keine Schlagzeile.
5. CHF-S – die Wette auf Solana
Herausgeber: Safirum AG, Rotkreuz ZG Chain: Solana Grösse: noch nicht lanciert – Start für Q3 2026 angekündigt Regulierung: VQF-Mitglied (FINMA-anerkannte SRO)
Das jüngste Projekt der Liste. Safirum will jeden CHF-S 1:1 mit Franken decken, die Reserven auf getrennten Konten bei Schweizer Depotbanken halten und neue Token erst nach abgeschlossenem KYC ausgeben. Zielgruppe: Banken, Kryptobörsen, institutionelle Nutzer.
Stärke: Solana ist dort, wo im Zahlungsverkehr aktuell die Musik spielt – schnell, billig, liquide. Schwäche: Ein Start-up ohne Bankenkonsortium im Rücken, das denselben institutionellen Kunden dasselbe verkaufen will wie AllUnity. Nur später.
6. und 7. HCHF und CHFM – die Zwerge
HCHF (Hedera Swiss Franc): rund 189’000 USD Marktkapitalisierung, Tagesvolumen im zweistelligen Dollarbereich. CHFM (Mento Swiss Franc): rund 86’000 USD, auf Celo.
Der Vollständigkeit halber. Beide sind technisch valide Franken-Stablecoins und ökonomisch irrelevant. Sie zeigen aber etwas Wichtiges: Einen Franken-Token zu bauen, ist trivial. Ihn zu füllen, ist das Problem.
(Am Rand: Fiat24 führt mit CHF24 ein weiteres Franken-Instrument, das eher tokenisiertes Bankguthaben als klassischer Stablecoin ist – ohne öffentlich ausgewiesene Marktdaten.)
Ausser Konkurrenz: der wCBDC der Nationalbank
Der grösste digitale Franken der Schweiz ist keiner dieser sieben. Er kommt von der SNB.
Seit Ende 2023 gibt die Nationalbank im Rahmen des Projekts Helvetia echtes digitales Zentralbankgeld auf der DLT-basierten SIX Digital Asset Platform aus – allerdings ausschliesslich für Finanzinstitute. Damit wurden digitale Anleihen im dreistelligen Millionenbereich abgewickelt, und die SNB begab sogar eigene SNB-Bills über die Plattform. Der Pilot läuft nach aktuellem Stand mindestens bis Juni 2028 und soll schrittweise auf weitere Institute und Transaktionsarten ausgeweitet werden.
Für Privatpersonen ist dagegen nichts geplant. SNB-Vizepräsident Antoine Martin bekräftigte im Juni 2026 am Point Zero Forum, was die Nationalbank seit Jahren sagt: Wholesale ja, Retail-CBDC nein. Eine SNB-Studie vom Januar 2026 lieferte gleich noch das ökonomische Argument dazu – nach dem Greshamschen Gesetz würde ein digitaler Franken der Zentralbank eher gehortet als ausgegeben.
Und der Geist: XCHF
Bitcoin Suisse lancierte den CryptoFranc bereits um 2018. Er wurde später mangels Nachfrage eingestellt. Wer über den digitalen Franken redet, sollte diesen Namen im Hinterkopf behalten.
Was tatsächlich über den Sieg entscheidet
Nicht die Technologie. Alle sieben Token sind technisch austauschbar. Es sind drei andere Dinge:
1. Vertrieb. Ein Stablecoin ist ein Netzwerkgut – er ist wertlos, solange die Gegenpartei ihn nicht akzeptiert. Hier hat der CHFD einen strukturellen Vorsprung, den kein Start-up aufholen kann: sechs Banken mit Millionen Kundenbeziehungen. CHFAU hat stattdessen Handelsplätze und Institutionen. ZCHF hat DeFi.
2. Regulierung. Bisher war die Schweizer Praxis der Bremsklotz: Wer hier einen Stablecoin herausgeben wollte, brauchte faktisch eine Banklizenz und musste sämtliche Halter identifizieren – eine Bedingung, die einen frei handelbaren Token praktisch disqualifiziert. Genau deshalb sitzt der Marktführer in Frankfurt und nicht in Zug.
Das soll sich ändern. Der Bundesrat schickte im Oktober 2025 eine Änderung des Finanzinstitutsgesetzes in die Vernehmlassung, die zwei neue Bewilligungskategorien schafft: «Zahlungsmittelinstitute» als Nachfolgerin der Fintech-Lizenz und mit ausdrücklicher Kompetenz zur Stablecoin-Ausgabe, sowie «Krypto-Institute». Die Vernehmlassung endete am 6. Februar 2026, die Botschaft ans Parlament wird frühestens im zweiten Halbjahr 2026 erwartet. Danach: parlamentarische Beratung, mögliches Referendum, Inkraftsetzung. Realistisch also 2028.
Die Bankiervereinigung unterstützt die Vorlage grundsätzlich, kritisiert aber, dass Banken den Franken-Stablecoin nicht ohne Weiteres selbst herausgeben dürfen sollen – MiCAR kennt keine vergleichbare Einschränkung. Eine Schweizer Sonderlösung würde den Finanzplatz aus ihrer Sicht unnötig schwächen.
3. Das Ertragsmodell – und hier wird es unangenehm.
Stablecoin-Emittenten verdienen an den Zinsen ihrer Reserven. Tether machte damit Milliarden. Der SNB-Leitzins liegt seit Juni 2026 bei null Prozent.
Ein voll cash-gedeckter Franken-Stablecoin generiert bei null Prozent keinen Ertrag. Keinen. Der CHFD hält seine Reserven bewusst ausschliesslich als Cash, um Markt- und Liquiditätsrisiken auszuschliessen – regulatorisch vorbildlich, betriebswirtschaftlich brutal. Wer den digitalen Franken bauen will, baut ein Produkt, das sich aus sich selbst heraus nicht finanziert. Es muss sich über etwas anderes rechnen: Abwicklungskosten, Programmierbarkeit, Tokenisierung von Wertpapieren.
Das ist der eigentliche Grund, warum es den Franken-Stablecoin noch nicht gibt. Nicht die FINMA. Die Zinskurve.
Und was will eigentlich die Bevölkerung?
Am 8. März 2026 nahmen Volk und alle Stände den Gegenentwurf zur Bargeld-Initiative mit 73,4 Prozent an. Seither steht in der Bundesverfassung, dass der Franken die Währung der Schweiz ist und die Bargeldversorgung gewährleistet bleibt. Die weitergehende Initiative «Bargeld ist Freiheit» wurde mit 54,4 Prozent abgelehnt – aber die Botschaft war unmissverständlich.
Der Swiss Payment Monitor von Universität St. Gallen und ZHAW, dessen 15. Ausgabe im August 2026 erschien, zeigt dazu passend: mobiles Bezahlen boomt, ein digitaler Franken der Nationalbank wird so deutlich abgelehnt wie noch nie. Bemerkenswert ist der Nebenbefund – dort, wo Stablecoins überhaupt bekannt sind, werden sie besser verstanden als CBDC.
Die Schweiz will also digital bezahlen, aber nicht staatlich digital. Das ist gutes Terrain für private Franken-Token – und schlechtes für jeden, der glaubt, der digitale Franken werde ein Massenprodukt für den Coop-Einkauf.
Das Ranking
| # | Token | Grösse (USD) | Chance auf Platz 1 |
|---|---|---|---|
| 1 | CHFAU (AllUnity) | ~50 Mio. | Hoch – führt heute, hat Vorsprung und Lizenz |
| 2 | CHFD (Swiss Stablecoin) | <1 Mio. | Sehr hoch mittelfristig – Vertrieb schlägt Vorsprung |
| 3 | ZCHF (Frankencoin) | ~43 Mio. | Mittel – gewinnt on-chain, verliert institutionell |
| 4 | VCHF (VNX) | ~5 Mio. | Gering |
| 5 | CHF-S (Safirum) | noch nicht live | Gering bis offen |
| 6 | HCHF (Hedera) | ~0,19 Mio. | Sehr gering |
| 7 | CHFM (Mento) | ~0,09 Mio. | Sehr gering |
Die Prognose
Kurzfristig (2026/27) gewinnt CHFAU. Es ist da, es ist reguliert, es wächst, und es hat mit Solana gerade den Verteilkanal bekommen, der im Zahlungsverkehr zählt.
Mittelfristig gewinnt der CHFD – falls die FINIG-Revision durchkommt und die Sandbox liefert. Sechs Banken, die denselben Token in ihre Infrastruktur legen, erzeugen einen Standard. Gegen einen Standard gewinnt kein besseres Produkt.
Der Frankencoin bleibt, was er ist: die Nummer 1 dort, wo tatsächlich on-chain gehandelt wird, und unsichtbar für alle anderen. Das ist kein Scheitern, sondern eine andere Liga.
Die wahrscheinlichste Antwort auf die Titelfrage ist allerdings unbequem: Die Nummer 1 im Schweizer Krypto-Zahlungsverkehr wird auch 2028 nicht der Franken sein, sondern der Dollar. Ein Franken-Stablecoin löst kein Problem, das ein Schweizer heute hat – Inlandzahlungen laufen über TWINT, Auslandzahlungen laufen in Dollar. Der Business Case liegt woanders: in der Abwicklung tokenisierter Wertpapiere, in der Treasury-Funktion, in programmierbaren Zahlungsströmen zwischen Maschinen.
Genau dort, wo die SNB mit Helvetia bereits sitzt.
Der interessanteste Wettbewerb ist deshalb nicht der zwischen sieben Token. Es ist der zwischen einem Bankenkonsortium, das digitales Geschäftsbankengeld bauen will, und einer Zentralbank, die digitales Zentralbankgeld schon hat – und nur nicht herausrückt. Die Sandbox-Ergebnisse aus dem zweiten Halbjahr 2026 dürften für diese Frage richtungsweisend sein.
Dieser Artikel ist eine journalistische Einordnung, keine Anlageberatung. Marktdaten gemäss CoinGecko, Stand 2. September 2026, und schwanken laufend.







