Sa.. Okt. 10th, 2026

Ein aktueller Sonderreport von MIT Technology Review mit dem Titel „How AI is becoming the next military advisor“ zeichnet ein Bild, das man vor wenigen Jahren noch für Science-Fiction gehalten hätte: Kommandeure der US-Armee chatten heute mit KI-Systemen wie Claude, ChatGPT oder Grok, um Zielentscheidungen zu treffen, Geheimdienstberichte zu verfassen und Trainingsdaten aus Satellitenbildern, sozialen Medien und abgehörten Funkwellen auszuwerten. Autor James O’Donnell, der bei MIT Technology Review seit Jahren zu KI und Militär recherchiert, hat dafür mehrere Monate lang mit Marines, Pentagon-Insidern, KI-Sicherheitsforschern und Rüstungsfirmen gesprochen.

Warum das auch für unsere Leserschaft relevant ist: Der Report zeigt exemplarisch, wohin die Reise geht, wenn hochkonzentrierte KI-Macht auf staatliche Machtapparate trifft – ein Thema, das im Kern genau die Fragen berührt, die auch die Bitcoin- und Krypto-Community seit Jahren umtreibt: Zentralisierung von Macht, Überwachung, mangelnde Kontrolle durch die Öffentlichkeit. Und, ganz konkret: Zwei der grössten Krypto-nativen Prognosemärkte, Polymarket und Kalshi, tauchen im Report als fester Bestandteil der neuen „Kriegs-Dashboards“ auf, über die Beobachter in Echtzeit auf Konfliktereignisse wetten.

Von der Bilderkennung zum Gesprächspartner

Militärische KI ist an sich nichts Neues. Seit 2017 nutzt das Pentagon Systeme wie Project Maven, das auf Computer-Vision-Technologie basiert und etwa Drohnenaufnahmen automatisiert nach Zielen durchsucht. Neu ist, was der Report als „Phase zwei“ bezeichnet: der Einsatz von generativer KI, also grossen Sprachmodellen (LLMs), die nicht nur analysieren, sondern aktiv Empfehlungen aussprechen.

Ein US-Verteidigungsbeamter sagte MIT Technology Review, dass Militärpersonal heute Chatbots Listen potenzieller Ziele vorlegt, um Unterstützung bei der Priorisierung zu bekommen – wer zuerst angegriffen werden soll. Laut dem Report könnten dafür künftig Systeme von OpenAI (ChatGPT) und xAI (Grok) zum Einsatz kommen, da beide Firmen kürzlich Vereinbarungen für den Einsatz ihrer Modelle in klassifizierten (geheimen) Umgebungen des Pentagons getroffen haben. Anthropics Claude ist Berichten zufolge bereits in militärische Operationen im Iran und bei der Gefangennahme des venezolanischen Machthabers Nicolás Maduro im Januar eingebunden gewesen.

Bemerkenswert ist dabei ein Detail: Obwohl das Pentagon Anthropic offiziell als „Supply Chain Risk“ eingestuft hat und Präsident Trump öffentlich forderte, die Nutzung von Claude innerhalb von sechs Monaten zu beenden, ist das Tool laut Report inzwischen so tief in militärische Abläufe verwoben, dass die Regierung selbst einräumt, sechs Monate zu benötigen, um es wieder zu entfernen. Anthropic wehrt sich juristisch gegen die Einstufung.

Vannevar Labs: Geheimdienstarbeit im industriellen Massstab

Ein zentrales Kapitel des Reports beschreibt den Einsatz von Vannevar Labs, einer 2019 von Veteranen der CIA und der US-Geheimdienstgemeinde gegründeten Defense-Tech-Firma. Im November 2024 erhielt sie vom Pentagon einen Produktionsvertrag im Wert von bis zu 99 Millionen US-Dollar. Zwei Marines der 15. Marine Expeditionary Unit berichteten O’Donnell, wie sie 2024 während einer Pazifik-Mission das System nutzten, um Tausende Open-Source-Quellen – Nachrichtenartikel, Berichte, Bilder, Videos – deutlich schneller auszuwerten als mit manuellen Methoden.

Die Dimensionen sind beachtlich: Vannevar sammelt laut eigenen Angaben täglich Terabytes an Daten in 80 Sprachen aus 180 Ländern, wertet Social-Media-Profile aus, überwindet Firewalls in Ländern wie China und nutzt physische Sensoren, die Funkwellen überwachen, um etwa illegale Schifffahrtsaktivitäten aufzuspüren. Die Ergebnisse werden über eine Chat-Oberfläche geliefert, „nicht unähnlich ChatGPT“, so der Report.

Der Fall der iranischen Schule: Wenn KI-gestützte Zielauswahl schiefgeht

Der Report verortet die aktuelle Debatte im Kontext eines konkreten, tragischen Vorfalls: Bei einem Angriff auf eine Mädchenschule im Iran starben laut Report über 100 Kinder. Eine vorläufige Untersuchung des US-Militärs bestätigte, dass amerikanische Streitkräfte verantwortlich waren, ohne Details zum genauen Hergang zu veröffentlichen. Laut der New York Times soll eine veraltete Zieldatenbank eine Mitursache gewesen sein; die Washington Post berichtete, dass sowohl Claude als auch Maven in iranische Zielentscheidungen involviert waren – ohne dass bislang belegt ist, welche konkrete Rolle generative KI bei diesem Angriff spielte.

Genau hier liegt laut Report das strukturelle Problem: Während das ältere System Maven Nutzer zwang, Daten direkt auf einer Karte zu inspizieren und zu interpretieren, sind die Ergebnisse generativer KI-Systeme zwar leichter zugänglich, aber deutlich schwerer zu überprüfen. Ein Verteidigungsbeamter bestätigte gegenüber MIT Technology Review, dass der Einsatz generativer KI den Zielauswahlprozess beschleunigt – konnte oder wollte aber nicht sagen, wie viel Zeit dabei eingespart wird, wenn Menschen die Ergebnisse eigentlich gegenprüfen sollen.

„Human in the Loop“ – ein Sicherheitsversprechen mit Grenzen

Verteidigungsfirmen betonen gerne das Prinzip „human in the loop“: Ein Mensch soll die KI-Ergebnisse immer kontrollieren, bevor Entscheidungen fallen. Heidy Khlaaf, Chief AI Scientist am AI Now Institute und frühere Leiterin von Sicherheitsaudits für KI-Systeme, hält dieses Versprechen für trügerisch. Wenn ein Modell Tausende Datenpunkte zu einer Schlussfolgerung verdichtet, sei es für einen Menschen schlicht nicht mehr möglich, diese Menge an Information zu durchdringen und Fehler zuverlässig zu erkennen, so Khlaaf im Report.

Besonders kritisch sieht sie den Einsatz von KI für Sentiment-Analyse – also die automatisierte Einschätzung, ob eine Nachrichtenquelle feindselig oder freundlich gegenüber US-Truppen eingestellt ist. Das sei „eine hochgradig subjektive Metrik, die selbst Menschen allein anhand von Medien kaum verlässlich einschätzen könnten“. Auch Chris Mouton, leitender Ingenieur beim Thinktank RAND, testete führende Modelle wie GPT-4 im Vergleich zu menschlichen Experten bei der Erkennung von Propaganda – mit gemischtem Ergebnis: Die Modelle taten sich vor allem bei subtileren Formen schwer.

Klassifizierte Daten als Trainingsmaterial – eine neue Grenze

Besonders brisant: Laut Report plant das Pentagon, KI-Firmen künftig zu erlauben, ihre Modelle direkt auf klassifizierten, also geheimen Militärdaten zu trainieren – nicht nur zur Beantwortung von Anfragen, sondern zum eigentlichen Modelltraining. Das Training soll in gesicherten, akkreditierten Rechenzentren stattfinden, wobei das Verteidigungsministerium Eigentümer der Daten bliebe. Personal der KI-Firmen könnte laut Report in Ausnahmefällen mit entsprechender Sicherheitsfreigabe dennoch Zugriff erhalten.

Aalok Mehta vom Wadhwani AI Center am Center for Strategic and International Studies, ehemals bei Google und OpenAI in der KI-Politik tätig, warnt vor einem konkreten Risiko: Sensible Informationen – etwa die Identität einer Quelle innerhalb einer Geheimdienstoperation – könnten versehentlich an eine andere, nicht autorisierte Abteilung des Verteidigungsministeriums „durchsickern“, wenn dasselbe Modell von mehreren Stellen mit unterschiedlichen Freigabestufen genutzt wird.

Der Krieg als Live-Dashboard – und die Brücke zu Bitcoin und Krypto

Der wohl interessanteste Abschnitt für unsere Leserschaft betrifft ein Phänomen, das während des Iran-Konflikts explodierte: KI-generierte Echtzeit-Dashboards, die offene Quellen wie Satellitenbilder, Schiffsverfolgung und Nachrichtenfeeds mit Chat-Funktionen kombinieren. Ein solches Dashboard, gebaut von zwei Mitarbeitern der Venture-Capital-Firma Andreessen Horowitz, wurde innerhalb weniger Tage grösstenteils mit KI-Unterstützung „vibe-coded“ und erregte sogar die Aufmerksamkeit eines Palantir-Mitgründers.

Und hier wird es für Krypto-Leser konkret: Diese Dashboards binden direkt Prognosemärkte ein – konkret Kalshi (in das Andreessen Horowitz investiert ist) sowie Polymarket. Nutzer konnten dort etwa darauf wetten, wer als nächster „Oberster Führer“ Irans eingesetzt wird (die Wahl von Mojtaba Khamenei brachte einigen Wettern einen Auszahlungsgewinn), ob die USA den Irak angreifen, oder wann Irans Internet wieder online geht. Damit verschmelzen KI-gestützte Kriegsberichterstattung, Geheimdienstästhetik und dezentrale, Blockchain-basierte Wettmärkte zu einem neuen, hybriden Format – ein Trend, den Digital-Investigations-Experte Craig Silverman kritisch beobachtet: Er führt eine Liste von mittlerweile rund 20 solcher Dashboards.

Silvermans Sorge: Diese Tools erzeugen „die Illusion, den Überblick und die Kontrolle zu haben“, während in Wahrheit nur ungefiltert Signale zusammengetragen werden, ohne echtes Verständnis oder verlässliche Einordnung. Die KI-generierten Zusammenfassungen in solchen Feeds sind fehleranfällig und unkuratiert – Streikorte im Iran erscheinen dort neben den Kursen obskurer Kryptowährungen, alles gleich gewichtet. Verschärft wird das Problem laut Financial Times durch eine Zunahme KI-generierter, gefälschter Satellitenbilder, die während des Konflikts online kursierten – ein Umstand, der laut Silverman das Vertrauen in eine der wichtigsten Beweisquellen für das Kriegsgeschehen untergräbt.

Für die Bitcoin- und Krypto-Community steckt darin ein doppeltes Signal. Zum einen zeigt sich, wie tief Krypto-native Infrastruktur – Prognosemärkte auf Blockchain-Basis wie Polymarket – inzwischen in geopolitische Grossereignisse eingebettet ist und dabei reale Marktbewegungen und Aufmerksamkeit generiert, weit über die ursprüngliche Nischenanwendung hinaus. Zum anderen illustriert der gesamte Report ein Muster, das der Bitcoin-Idee eigentlich diametral entgegensteht: eine wachsende Machtkonzentration bei wenigen KI-Konzernen (OpenAI, Anthropic, xAI, Palantir), die immer engere Verträge mit staatlichen Sicherheitsapparaten eingehen – bei gleichzeitig praktisch nicht vorhandener öffentlicher Kontrolle über den Einsatz dieser Systeme. Der Report zitiert dazu ein Pentagon-Memo vom Januar, das das Konzept von „Responsible AI“ mit demokratischer Kontrolle explizit als „utopischen Idealismus“ abtut.

Kein Einzelfall: Das US-Militär experimentiert längst mit Bitcoin

Wer die Entwicklung rund um militärische KI-Systeme verfolgt, sollte sie nicht isoliert betrachten – sie fügt sich in ein grösseres Muster, über das wir bei Bitcoin News Schweiz bereits mehrfach berichtet haben: Das US-Militär beschäftigt sich seit Jahren still, aber zunehmend konkret auch mit Bitcoin selbst.

Bereits 2022 untersuchte ein Forschungspapier der Naval Postgraduate School im Auftrag der US-Spezialeinsatzkräfte (USSOCOM), wie Bitcoins Dezentralität und Unabhängigkeit von Banken für Spezialeinsätze genutzt werden könnte – von der Finanzierung von Widerstandsbewegungen bis zur Umgehung feindlicher Finanzkontrollen. Wir haben das Papier eingeordnet in „Bitcoin als geheime Waffe: Wie die Kryptowährung Spezialeinsätze revolutionieren könnte“.

Dass es dabei nicht bei der Theorie blieb, zeigte sich, als publik wurde, dass das US-Militär tatsächlich einen eigenen Bitcoin-Node betreibt – offiziell nicht zum Mining oder zur Wertaufbewahrung, sondern als Werkzeug zur Cyberabwehr und Netzwerkabsicherung, gestützt auf die manipulationssichere Architektur von Kryptografie, Blockchain und Proof-of-Work. Mehr dazu in „US-Militär nutzt Bitcoin: Was wirklich dahintersteckt“.

Und auch beim Thema Mining gibt es eine militärische Spur: Nachdem eine geplante 30-Meilen-Sperrzone für Bitcoin-Mining rund um US-Militäranlagen im Senat scheiterte – Anlass war der Fall der chinesischen Mining-Firma MineOne nur eine Meile von der Warren Air Force Base entfernt –, mehrten sich Spekulationen, ob das US-Militär selbst grösser in den Krypto-Markt einsteigen könnte, etwa zur Monetarisierung überschüssiger Energie oder zum Aufbau zensurresistenter digitaler Infrastruktur. Details dazu in „Plant das US-Militär Mining-Fabriken?“.

Zusammengenommen ergibt sich ein Bild, in dem das US-Militär auf zwei parallelen Spuren experimentiert: auf der einen Seite mit zentralisierten, geschlossenen KI-Systemen von Big-Tech-Partnern für Zielentscheidungen und Geheimdienstarbeit – auf der anderen Seite, deutlich leiser, mit der dezentralen Infrastruktur von Bitcoin selbst, für Cybersicherheit, Energieverwertung und potenziell zensurresistente Kommunikation. Beide Entwicklungen verdienen die gleiche kritische Aufmerksamkeit.

Kernaussagen im Überblick

  • Von der Analyse zur Empfehlung: Militärische KI hat eine neue Phase erreicht. Systeme wie Claude, ChatGPT und Grok werden nicht mehr nur zur Datenanalyse, sondern aktiv zur Entscheidungsunterstützung bei Zielauswahl eingesetzt.
  • Trotz „Supply Chain Risk“-Einstufung im Einsatz: Anthropics Claude gilt dem Pentagon offiziell als Sicherheitsrisiko, ist aber laut Report so tief in militärische Prozesse integriert, dass eine Entfernung Monate dauern würde.
  • „Human in the Loop“ ist kein Allheilmittel: KI-Sicherheitsexpertin Heidy Khlaaf warnt, dass Menschen die schiere Datenmenge, auf der KI-Entscheidungen basieren, oft gar nicht mehr überprüfen können.
  • Ein tragischer Präzedenzfall: Der Angriff auf eine iranische Mädchenschule mit über 100 zivilen Todesopfern wirft konkrete Fragen zur Rolle von KI-Systemen wie Claude und Maven bei fehlerhaften Zielentscheidungen auf.
  • Klassifizierte Daten als nächste Grenze: Das Pentagon plant, KI-Modelle künftig direkt auf Geheimdaten zu trainieren – mit neuen Risiken rund um Datenlecks und mangelnde Kontrolle darüber, wer auf welche Information Zugriff erhält.
  • Krypto-native Prognosemärkte mittendrin: Polymarket und Kalshi sind über KI-Kriegsdashboards direkt in die Echtzeit-Berichterstattung über den Iran-Konflikt eingebunden – ein bislang wenig beachteter Berührungspunkt zwischen Kriegsgeschehen, KI und Blockchain-Infrastruktur.
  • Ein Machtkonzentrationsproblem: Der Report zeigt exemplarisch, wie eng sich einige der grössten KI-Konzerne mit staatlichen Sicherheitsapparaten verflechten – ein Trend, der im Spannungsverhältnis zur dezentralen, kontrollresistenten Grundidee von Bitcoin steht.

Fazit

Der MIT-Technology-Review-Report liefert einen seltenen, gut recherchierten Einblick in eine Entwicklung, die weitreichende Folgen hat – weit über das Militär hinaus. Wenn generative KI zunehmend über Leben und Tod mitentscheidet, während gleichzeitig kaum jemand ausserhalb geschlossener Regierungs- und Konzernstrukturen nachvollziehen kann, wie diese Systeme zu ihren Empfehlungen kommen, betrifft das letztlich jede Debatte über Machtkonzentration, Überwachung und digitale Souveränität – Themen, die im Krypto-Raum seit jeher im Zentrum stehen. Und dass ausgerechnet Blockchain-basierte Prognosemärkte wie Polymarket zum festen Bestandteil der neuen KI-Kriegsberichterstattung geworden sind, zeigt: Die Grenzen zwischen Geopolitik, künstlicher Intelligenz und Krypto-Infrastruktur verschwimmen schneller, als viele erwartet hätten.


Quelle: James O’Donnell, „How AI is becoming the next military advisor“ (PDF), MIT Technology Review (Sonderreport, Artikel ursprünglich veröffentlicht zwischen 11. April 2025 und 21. April 2026, aktualisiert und neu zusammengestellt am 10. Juni 2026). O’Donnell ist Senior Reporter bei MIT Technology Review mit Schwerpunkt auf risikoreichen KI-Anwendungen; seine Arbeiten erschienen auch in The Washington Post, ProPublica und WNYC.

By Christian Mäder

Publisher and Founder » Christian Mäder on LinkedIn Covering Bitcoin from Switzerland — in English and German. News, press releases, embargoes and story tips: christian@bitcoinnews.ch