Di.. Okt. 13th, 2026

Die Schweiz gilt seit Jahren als eines der attraktivsten Länder für Krypto-Unternehmen – Stichwort Crypto Valley Zug. Doch wer glaubt, diese Offenheit bedeute laxere Regeln, irrt sich gewaltig. Das zeigt ein aktuelles Interview, das die Compliance-Firma 21 Analytics mit der VQF geführt hat, der grössten Schweizer Selbstregulierungsorganisation (SRO) im Finanzbereich. Tobias Eberle, CEO der VQF, und Felicitas Sicardi, Legal Counsel bei der VQF, geben darin seltene Einblicke, wie die Aufsicht über Krypto-Unternehmen in der Schweiz tatsächlich funktioniert – und wo es in der Praxis am häufigsten hakt.

Für alle, die in der Schweiz ein Krypto-Geschäft betreiben, planen oder einfach verstehen wollen, wie das Land seinen Ruf als seriöser Blockchain-Standort absichert, lohnt sich ein genauerer Blick.

Was ist die VQF – und warum braucht es sie überhaupt?

Die Schweiz reguliert Finanzdienstleister im sogenannten Parabanken-Sektor nicht direkt über die Finanzmarktaufsicht FINMA, sondern über Selbstregulierungsorganisationen. Die VQF (Verein zur Qualitätssicherung von Finanzdienstleistungen, auf Englisch Financial Services Standards Association) ist eine solche SRO und von der FINMA offiziell anerkannt. Ihre Aufgabe: die angeschlossenen Mitglieder auf die Einhaltung des Geldwäschereigesetzes (GwG) hin zu überwachen – inklusive Bekämpfung der Terrorismusfinanzierung.

Gegründet wurde die VQF bereits 1998, damals vor allem für klassische Finanzintermediäre wie Treuhänder, Vermögensverwalter oder Zahlungsdienstleister. Die Grundprinzipien der Geldwäschereibekämpfung haben sich seither kaum verändert, wohl aber das Umfeld, in dem sie angewendet werden müssen. Mit dem Boom der Blockchain-Branche hat die VQF ihre Aufsicht gezielt ausgebaut: Transaktionsüberwachung auf der Blockchain, Verifikation von Wallet-Eigentümerschaft, Sanktionsprüfungen, grenzüberschreitende Aktivitäten und die Umsetzung der Travel Rule gehören heute zum festen Repertoire.

Die Zahlen zeigen, wie stark sich die Branche gewandelt hat: Von den über 600 durch die VQF beaufsichtigten Unternehmen sind mittlerweile mehr als 150 im Bereich virtuelle Vermögenswerte tätig – von jungen Start-ups bis zu etablierten Anbietern, von OTC-Brokern über Zahlungsdienstleister bis zu spezialisierten Virtual Asset Service Providern (VASPs).

Der grösste Irrtum: „Innovationsfreundlich“ heisst nicht „weniger reguliert“

Eines der zentralen Missverständnisse, dem internationale Krypto-Unternehmen laut VQF immer wieder aufsitzen: Sie nehmen an, die Schweiz sei wegen ihrer Innovationsfreundlichkeit automatisch weniger streng reguliert. Das Gegenteil ist der Fall. Krypto-Unternehmen müssen dieselben – teils sogar höhere – Standards bei Kundenidentifikation, Transaktionsüberwachung und Meldewesen erfüllen wie klassische Finanzintermediäre.

Besonders unterschätzt wird dabei das Thema Substanz. Viele internationale VASPs gehen davon aus, die Gründung einer Schweizer Gesellschaft und der Beitritt zu einer SRO seien vor allem administrative Formalitäten. Tatsächlich prüft die VQF sehr genau, ob eine Schweizer Einheit nicht bloss eine leere Hülle ist. Massgebliche Geschäftstätigkeiten, Managementfunktionen und Entscheidungsprozesse müssen tatsächlich aus der Schweiz heraus erfolgen – mit angemessener lokaler Präsenz, qualifiziertem Personal und ausreichenden Ressourcen. Die Stärkung der Schweizer Substanz gehört laut VQF zu den häufigsten Auflagen im Aufnahmeverfahren.

Zwar räumt die VQF Start-ups und wachsenden Unternehmen eine angemessene Frist ein, um diese Strukturen aufzubauen – üblicherweise ein bis zwei Jahre bis zur Aufnahme der eigentlichen Geschäftstätigkeit, auch weil Banken und IT-Partner oft erst die SRO-Zugehörigkeit als Voraussetzung für eine Zusammenarbeit verlangen. Doch ein Businessplan auf dem Papier reicht nicht: Es werden greifbare Fortschritte und ein Wachstum der Schweizer Ressourcen im Verhältnis zum Geschäftsumfang erwartet.

Die häufigsten Fehler bei der Geldwäschereiprävention

Wenn die Prüfer der VQF bei Krypto-Firmen Mängel finden, hat das laut Eberle und Sicardi selten mit der Technologie selbst zu tun. Es sind vielmehr dieselben Grundprobleme, die man auch aus der traditionellen Finanzbranche kennt:

Unvollständige Risikobewertungen, mangelhaft dokumentierte Herkunft von Geldern und Vermögen, Schwächen in der Transaktionsüberwachung, unzureichende Identifikation wirtschaftlich Berechtigter sowie Defizite im Umgang mit Geschäftsbeziehungen mit erhöhtem Risiko. Krypto-spezifisch kommt hinzu, dass Unternehmen oft unterschätzen, wie wichtig eine saubere Dokumentation der Wallet-Eigentümerschaftsprüfung und der Begründung risikobasierter Entscheidungen ist.

Die Kernbotschaft der VQF: Es mangelt selten an Wissen oder Regulierung. Das eigentliche Problem liegt in der praktischen Umsetzung – also darin, durchgeführte Kontrollmassnahmen auch tatsächlich zu dokumentieren und Risiken nachvollziehbar zu verstehen und zu begründen.

Travel Rule: Die Schweiz ist Vorreiterin – aber nicht am Ziel

Die Schweiz gehörte zu den ersten Ländern weltweit, welche die Travel Rule für VASPs nicht nur eingeführt, sondern auch aktiv durchgesetzt haben. Die Travel Rule verpflichtet Anbieter von Krypto-Dienstleistungen dazu, bei Transaktionen bestimmte Informationen zu Absender und Empfänger auszutauschen – ähnlich wie es im klassischen Zahlungsverkehr längst Standard ist. Entsprechend reif ist laut VQF die Umsetzung bei den meisten Schweizer Unternehmen: Prozesse, Governance-Strukturen und technische Lösungen sind vielerorts bereits fest im Compliance-Alltag verankert.

Trotzdem begegnet die VQF immer wieder Unternehmen, die nicht alle Aspekte der Anforderungen vollständig durchdrungen haben – besonders bei grenzüberschreitenden Transaktionen, bei sogenannten Self-Hosted Wallets (Wallets ohne zwischengeschalteten Dienstleister) sowie beim Zusammenspiel zwischen technischer Lösung und den zugrunde liegenden Geldwäschereipflichten. Die klare Empfehlung der VQF: lieber auf spezialisierte Beratung und etablierte Branchenstandards setzen, statt komplett eigene Lösungen zu entwickeln.

Eine grosse Herausforderung bleibt zudem die Zusammenarbeit mit Gegenparteien in anderen Ländern, wo die Umsetzungsstandards noch nicht vollständig harmonisiert sind. Immerhin: Die VQF beobachtet aktuell ermutigende internationale Bestrebungen zu mehr Angleichung, was die grenzüberschreitende Compliance für VASPs in den kommenden Jahren erheblich erleichtern dürfte.

Wichtig ist der VQF dabei ein Punkt: Travel-Rule- und AML-Pflichten sind keine reinen Formalitäten. Verstösse können zu aufsichtsrechtlichen Massnahmen und Sanktionen durch die SRO führen – die Anforderungen müssen also nicht nur formal umgesetzt, sondern wirklich in die täglichen Compliance-Prozesse eingebettet sein.

Ausblick: MiCA, FATF und der Wettbewerb um Regulierung

Mit der EU-Verordnung MiCA (Markets in Crypto-Assets) hat sich der regulatorische Druck in Europa deutlich erhöht. Wie soll die Schweiz da mithalten? Die VQF sieht die Antwort nicht darin, das eigene Regelwerk zu lockern. Im Gegenteil: Der klare Trend gehe in Richtung steigender regulatorischer Erwartungen und umfassenderer Compliance-Anforderungen – getrieben nicht nur durch MiCA, sondern auch durch sich weiterentwickelnde internationale Standards.

Ein konkreter Meilenstein wirft dabei schon jetzt seinen Schatten voraus: die für 2027 angesetzte Länderprüfung der Schweiz durch die Financial Action Task Force (FATF), das internationale Gremium zur Bekämpfung von Geldwäscherei. Wie bei früheren Prüfungen wird dabei nicht nur das Gesetz selbst unter die Lupe genommen, sondern vor allem dessen tatsächliche Umsetzung in der Praxis.

Die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz, so die klare Haltung der VQF, sollte deshalb nicht auf laxerer Regulierung basieren, sondern auf regulatorischer Klarheit, Rechtssicherheit, hohen Aufsichtsstandards und einem pragmatischen Umfeld für Innovation. Zwar sorgen aktuelle politische Diskussionen und geopolitische Entwicklungen für eine gewisse Unsicherheit über künftige Rahmenbedingungen – in der Praxis verzeichnet die VQF aber weiterhin zahlreiche Aufnahmeanfragen von Schweizer wie internationalen Unternehmen. Das bewährte SRO-Modell scheint also trotz wachsender Konkurrenz durch MiCA und Co. weiterhin ein glaubwürdiger und effizienter Weg in den Schweizer Markt zu sein.

Warum das für die Schweizer Krypto-Branche wichtig ist

Für Anleger, Gründerinnen und alle, die sich für den Schweizer Krypto-Standort interessieren, liefert das Interview ein klares Signal: Der gute Ruf der Schweiz als Blockchain-Nation beruht nicht auf laxer Aufsicht, sondern auf einem funktionierenden, aber anspruchsvollen Selbstregulierungssystem, das sich laufend an neue Risiken anpasst. Wer hier ein Krypto-Geschäft aufbauen will, kommt an echter operativer Substanz vor Ort, sauberer Dokumentation und einer ernsthaft gelebten Travel-Rule-Compliance nicht vorbei. Genau das dürfte mit Blick auf die FATF-Prüfung 2027 und die wachsende internationale Regulierungskonkurrenz noch wichtiger werden – und ist letztlich auch im Interesse der gesamten Branche: Ein glaubwürdiges Schweizer Krypto-Ökosystem profitiert langfristig alle, die hier tätig sind.


Dieser Artikel basiert auf einem Interview, das 21 Analytics mit Tobias Eberle (CEO) und Felicitas Sicardi (Legal Counsel) von der VQF geführt hat, veröffentlicht am 25. August 2026. Mehr Informationen zur VQF gibt es unter vqf.ch.

By Christian Mäder

Publisher and Founder » Christian Mäder on LinkedIn Covering Bitcoin from Switzerland — in English and German. News, press releases, embargoes and story tips: christian@bitcoinnews.ch