Ein Blick über den Tellerrand: Während die Krypto-Welt über Marktkapitalisierung, Hashrate und Kursverläufe spricht, misst ein kleines Himalaya-Königreich seit Jahrzehnten etwas ganz anderes – Glück. Was das mit der Grundfrage „Was ist eigentlich Wert?“ zu tun hat, die auch Bitcoiner umtreibt, zeigt ein Blick nach Bhutan.
Eine Frage, eine Antwort, ein neues Konzept
1979 stellte ein indischer Journalist dem damaligen bhutanischen König Jigme Singye Wangchuck eine ganz gewöhnliche Frage: Wie hoch sei das Bruttoinlandsprodukt seines Landes? Die Antwort des Königs war alles andere als gewöhnlich. Statt einer Zahl entgegnete er, in Bhutan sei das „Bruttonationalglück“ wichtiger als das Bruttoinlandsprodukt.
Was als spontaner Konter gedacht war, wurde zum Grundstein eines der ungewöhnlichsten wirtschaftspolitischen Experimente der Welt. Zwei Jahrzehnte lang blieb der Begriff mehr Schlagwort als Programm – erst 1998 definierte Premierminister Jigme Thinley die sogenannten vier Säulen, auf denen das Konzept bis heute ruht.
Vier Säulen statt einer Zahl
Während das BIP nur Geldflüsse zählt, versucht das Bruttonationalglück (BNG, englisch Gross National Happiness) das Wohlergehen einer Gesellschaft ganzheitlich zu erfassen. Die vier tragenden Säulen sind:
Eine gerechte sozioökonomische Entwicklung, die Bhutan wirtschaftlich unabhängiger machen soll. Die Bewahrung kultureller und religiöser Werte, die im buddhistisch geprägten Land traditionell einen hohen Stellenwert genießen. Der Schutz der Umwelt, verankert unter anderem in der Vorgabe, dass mindestens 60 Prozent der Landesfläche bewaldet bleiben müssen – aktuell sind es über 70 Prozent. Und schließlich gute Regierungsführung als vierte Säule.
Wie misst man Glück? Mit 750 Fragen
So idealistisch das Konzept klingt, so nüchtern ist seine Umsetzung. Das Zentrum für Bhutanstudien in Thimphu entwickelte einen Fragebogen, der die vier Säulen in neun Lebensbereiche und 33 einzelne Indikatoren herunterbricht: psychisches Wohlbefinden, Gesundheit, Zeitnutzung, Bildung, kulturelle Vielfalt, Regierungsführung, Gemeinschaftsleben, ökologische Vielfalt und Lebensstandard.
Die erste offizielle Erhebung 2008 umfasste 750 Fragen und dauerte pro Person fünf bis sechs Stunden. Aus dem Ergebnis wird über eine mathematische Formel (angelehnt an die sogenannte Alkire-Foster-Methode) ein Index zwischen 0 und 1 berechnet. Bei der Erhebung 2010 mit über 7.000 Befragten lag der Wert bei 0,743, 2015 bei 0,756 – eine leichte, aber messbare Verbesserung.
Stadt schlägt Land, Bildung zahlt sich aus
Die Zahlen hinter dem Index offenbaren Muster, die man aus westlichen Wohlstandsstudien kennt. Städter waren 2015 zufriedener als Landbewohner (Index 0,756 gegenüber 0,731). Männer erreichten durchgehend höhere Werte als Frauen, wobei sich die Lücke zwischen 2010 und 2015 leicht verringerte. Und: Je höher die Bildung, desto höher der Glücks-Index – eine nahezu lineare Beziehung. Am unteren Ende der Zufriedenheitsskala standen Landwirte, am oberen Ende Verwaltungsangestellte.
Nicht unumstritten
Kritiker weisen darauf hin, dass Bhutan trotz seines Glücks-Images immer wieder wegen Einschränkungen der Bürgerrechte und Korruption in der Kritik stand. Ein methodisches Problem: Der Index wird ausschließlich in Bhutan erhoben, ein direkter internationaler Vergleich ist also gar nicht möglich. Auch die freiwillige, teils zufällige Stichprobenziehung gilt als nicht zwingend repräsentativ – und es bleibt offen, ob Befragte ihre tatsächliche Zufriedenheit angeben oder unbewusst „erwünschte“ Antworten liefern, weil sie sich durch die Befragung selbst schon von der Regierung wahrgenommen fühlen.
Bhutan ist kein Einzelfall
Die Suche nach Alternativen zum BIP ist ein globaler Trend. Ecuador und Bolivien verankerten das indigene Prinzip „Sumak Kawsay“ („gutes Leben“) in ihren Verfassungen. Der Happy Planet Index setzt Lebenserwartung und Zufriedenheit ins Verhältnis zum ökologischen Fußabdruck. Die OECD hat einen eigenen Wellbeing-Indikator, und seit 2011 veröffentlicht die UNO den von Bhutan mitinitiierten World Happiness Report. Selbst der Deutsche Bundestag beschäftigte sich ab 2011 in einer Enquete-Kommission mit Wohlstandsmessung jenseits des Bruttosozialprodukts.
Was das mit Bitcoin zu tun hat
Auf den ersten Blick liegen Bhutans Bergdörfer und die Blockchain meilenweit auseinander. Und doch kreisen beide um dieselbe Grundfrage: Wer legt fest, was Wert hat – und anhand welcher Kennzahl? Das BIP reduziert Wohlstand auf Geldflüsse; Fiat-Währungen reduzieren Wert auf das, was Zentralbanken für angemessen halten. Bitcoin stellt diese Definitionsmacht infrage, indem es eine von einzelnen Institutionen unabhängige, regelbasierte Alternative anbietet. Bhutan stellt sie infrage, indem es Wohlstand über Gesundheit, Gemeinschaft und Umwelt statt über reine Wirtschaftsleistung definiert.
Keiner der beiden Ansätze ist frei von Widersprüchen – das zeigt gerade die Kritik am BNG-Index. Aber beide erinnern daran, dass jede Maßzahl, ob Kurs, Marktkapitalisierung oder Glücks-Index, immer nur einen Ausschnitt der Realität abbildet. Wer über „Wert“ spricht, sollte sich fragen, wessen Definition dahintersteckt – ob am Kryptomarkt oder im Himalaya.
Quellen:
- Glück vor Geld – Island treibt Wirtschaft der Zukunft voran. Abgerufen am 5. Mai 2023.
- The Global Mental Wealth Initiative: Placing human flourishing at the centre of economic and social policy. Abgerufen am 5. Mai 2023 (englisch).
- Defining a New Economic Paradigm: The Report of the High-Level Meeting on Wellbeing and Happiness | Department of Economic and Social Affairs.







