Die Schweizer Bevölkerung hat 2026 gleich zweimal deutlich Stellung zu ihrem Geld bezogen: An der Urne mit einem wuchtigen Ja zum Verfassungsschutz von Bargeld und Franken, in der Umfrage mit einer Rekordablehnung eines digitalen Frankens der Nationalbank. Der 15. Swiss Payment Monitor von Universität St.Gallen und ZHAW zeigt, wie diese beiden Signale zusammenhängen – und wo Stablecoins in diesem Bild bereits eine Nebenrolle spielen.
Zweimal im Jahr fragen das Center for Financial Services Innovation der Universität St.Gallen und das Swiss Payment Research Center der ZHAW nach, wie die Schweiz tatsächlich bezahlt. Für die 15. Ausgabe des Swiss Payment Monitor (SPM), die im August 2026 veröffentlicht wurde, füllten Ende April/Anfang Mai 1590 Personen einen Online-Fragebogen aus, 1117 von ihnen führten anschliessend während vier Tagen ein elektronisches Zahlungstagebuch. Das Ergebnis ist die vermutlich detaillierteste verfügbare Momentaufnahme des Schweizer Zahlungsverhaltens – und diesmal liefert sie auch für die Krypto-Community interessanten Stoff.
Ein Verfassungs-Ja und ein Umfrage-Nein
Am 8. März 2026 stimmte die Schweiz über die Volksinitiative «Bargeld ist Freiheit» ab, die eine unabhängige, freie Schweizer Währung mit Münzen und Banknoten in der Verfassung verankern wollte. Bundesrat und Parlament stellten der Initiative einen direkten Gegenentwurf gegenüber, der die Bargeldversorgung und den Franken als Schweizer Währung verfassungsrechtlich absichert – und der mit 73,4 Prozent Ja-Stimmen sehr deutlich angenommen wurde.
Diese intensiv geführte Debatte hat sichtbar auf die Umfrageergebnisse abgefärbt. Der Anteil jener, die eine vollständige Abschaffung von Bargeld ablehnen, springt im SPM 2/2026 auf einen Rekordwert von 79,2 Prozent (+10,4 Prozentpunkte gegenüber der Vorerhebung). 58,3 Prozent finden eine Bargeldabschaffung «überhaupt nicht gut» – ein Sprung von über elf Prozentpunkten. Gleichzeitig ist die Akzeptanz von Bargeld im Alltag spürbar gesunken: Knapp 25 Prozent der Befragten geben an, dass ihnen in den letzten zwölf Monaten eine Barzahlung verweigert wurde, im SPM 1/2024 waren es noch 22 Prozent. Am häufigsten passiert das bei Freizeit- und Kulturangeboten (34,5 Prozent) sowie in Restaurants, Cafés und Bars (33,8 Prozent).
Die Schweiz will Bargeld also unbedingt behalten – erlebt im Alltag aber gleichzeitig, wie es an Terminals und Kassen zunehmend zur Ausnahme wird. Genau in dieses Spannungsfeld platzt die zweite grosse Botschaft des Berichts: das denkbar kühle Verhältnis zum digitalen Pendant, das die Nationalbank potenziell herausgeben könnte.
Digitaler Franken: bekannt, aber nicht gewollt
Digitales Zentralbankgeld (Central Bank Digital Currency, CBDC) bleibt für die meisten Schweizerinnen und Schweizer ein abstraktes Konzept. Lediglich 15,4 Prozent der Befragten geben an, den Begriff zu kennen – ein Plus von nur 1,6 Prozentpunkten gegenüber 2022. Und selbst von diesen kann laut Studie nur rund die Hälfte eine zutreffende Beschreibung liefern; der Rest verwechselt CBDC mit Kryptowährungen im Allgemeinen oder äussert vage, unsichere Assoziationen.
Trotz dieser dünnen Wissensbasis – oder gerade deswegen – fällt das Urteil eindeutig aus. Nachdem die Studienautoren den Befragten zunächst die Grundzüge von CBDC erklärt hatten, lehnten 44,3 Prozent die Einführung eines «Retail-CBDC» durch die Schweizerische Nationalbank ab, nur 17,0 Prozent befürworteten sie. Die Ablehnung hat gegenüber der ersten Erhebung 2022 um 11,3 Prozentpunkte zugelegt. Bemerkenswert: Wer CBDC bereits kennt, lehnt eine Einführung tendenziell etwas weniger stark ab als Unwissende, ist aber auch deutlich seltener indifferent (28,2 gegenüber 40,8 Prozent) – Aufklärung führt hier offenbar eher zu einer klaren Position als zu mehr Zustimmung.
Für die Debatte um staatliches Digitalgeld ist das ein bemerkenswertes Signal: Dieselbe Bevölkerung, die im März überwältigend für den verfassungsrechtlichen Schutz von physischem Bargeld gestimmt hat, steht einer von der Nationalbank kontrollierten digitalen Alternative skeptisch gegenüber. Das lässt sich nicht als generelle Technologiefeindlichkeit lesen – schliesslich boomt mobiles Bezahlen wie im Folgenden gezeigt wie nie zuvor. Es liest sich eher als Misstrauen gegenüber zentralisierter Kontrolle über digitales Geld, unabhängig davon, ob diese Kontrolle von einer Zentralbank oder einem privaten Big-Tech-Konzern ausgeübt würde – ein Muster, das sich auch bei der Frage nach KI-gestützten Zahlungsassistenten zeigt, wo Sicherheit und Datenschutz für die Befragten klar vor Komfort und Kosten rangieren.
Stablecoins: kleinere Bekanntheit, klareres Verständnis
Während CBDC vielen ein Begriff ist, aber wenigen wirklich klar, verhält es sich bei Stablecoins fast umgekehrt: Nur 17,8 Prozent der Befragten kennen den Begriff überhaupt – deutlich weniger als bei CBDC. Wer ihn aber kennt, hat ihn auch verstanden: 76,4 Prozent dieser Gruppe beschreiben Stablecoins korrekt als an einen stabilen Wert gekoppelte Kryptowährung, gegenüber nur 49,6 Prozent korrekter Beschreibungen bei CBDC. Unter den Kennerinnen und Kennern herrscht also deutlich mehr begriffliche Klarheit als beim Zentralbank-Pendant.
An der grundsätzlichen Zurückhaltung ändert das wenig: Die Zustimmung zur Herausgabe von Stablecoins bleibt insgesamt gering, sowohl für inländische (15,9 Prozent) als auch für ausländische Anbieter (12,8 Prozent) – wobei Schweizer Anbieter einen leichten Vertrauensvorsprung geniessen. Für die Branche heisst das: Das eigentliche Hindernis ist derzeit weniger mangelndes Verständnis als schlicht mangelnde Bekanntheit. Wer die Geschichte einmal verstanden hat, kann sie offenbar auch nachvollziehbar wiedergeben – die Aufklärungsarbeit lohnt sich also.
Der Hintergrund: mobiles Bezahlen erobert auch die Ladenkasse
Dass die Schweiz beim digitalen Bezahlen alles andere als zögerlich ist, zeigt der Rest des Berichts deutlich. Mobiles Bezahlen (breite Definition, inklusive Twint, Apple Pay, Google Pay und Retail-Apps) wächst gemessen an der Anzahl Transaktionen im Gesamtmarkt auf 34,5 Prozent (+3,1 Prozentpunkte) und bleibt damit klar meistgenutztes Zahlungsmittel der Schweiz. Neu übernimmt es sogar im stationären Handel die Spitzenposition: 28,2 Prozent aller Zahlungen an der Kasse laufen inzwischen mobil, vor Bargeld (27,1 Prozent) und der klassischen Debitkarte (25,8 Prozent). Erstmals gehört mehr als jede fünfte Person (20,1 Prozent) zum reinen «Mobilzahler»-Typus.
Innerhalb des mobilen Segments verschiebt sich die Marktordnung: Twint bleibt mit 55,6 Prozent der mobilen Transaktionen die klare Nummer eins, verliert aber gegenüber der Vorerhebung 7,1 Prozentpunkte – vor allem an Apple Pay, das auf 21,1 Prozent zulegt (+4,2 Prozentpunkte). Auch Neobanken verzeichnen mit 43,8 Prozent Nutzungsanteil (+0,9 Prozentpunkte) einen neuen Höchststand, angeführt von Revolut mit 20,5 Prozent vor Yuh, Neon und der neu viertplatzierten UBS-Lösung key4.
Die Kreditkarte (nicht-mobil) wiederum verliert im Gesamtmarkt spürbar an Transaktionsanteil (14,5 Prozent, -2,7 Punkte) – die Studienautoren führen das allerdings mehrheitlich auf einen methodischen Effekt der vorangegangenen Sicherheitsfragen in der letzten Erhebung zurück und nicht auf einen strukturellen Trend.
Einordnung für die Krypto-Debatte
Der Swiss Payment Monitor erhebt weder Bitcoin- noch Krypto-Nutzung direkt – dazu äussert sich der Bericht bewusst nicht, und diese Lücke sollte man nicht überinterpretieren. Was er aber liefert, ist ein differenziertes Bild der Grundhaltung: Eine Bevölkerung, die an der Urne unmissverständlich für die Kontrolle über ihr eigenes Geld – in physischer Form – gestimmt hat, begegnet einer zentral gesteuerten digitalen Alternative mit wachsender Skepsis, während sie beim privatwirtschaftlich organisierten mobilen Bezahlen munter mitmacht und selbst das abstrakte Stablecoin-Konzept, wo bekannt, überdurchschnittlich gut versteht.
Für die Bitcoin- und Krypto-Szene in der Schweiz liegt darin weder ein Freispruch noch ein Beweis wachsender Akzeptanz – aber ein Datenpunkt, der zeigt: Das Bedürfnis nach Kontrolle über die eigene Zahlungsmittelwahl ist in der Schweiz breit verankert und lässt sich nicht auf die Cash-Frage reduzieren. Ob dieses Bedürfnis sich künftig eher in physischem Bargeld, in privaten mobilen Lösungen oder in dezentralen Alternativen ausdrückt, bleibt eine offene – und für die kommenden Ausgaben des Swiss Payment Monitor spannende – Frage.
Quelle: Graf, S., Heim, N., Stadelmann, M. und Trütsch, T. (2026): Swiss Payment Monitor 2026 – Wie bezahlt die Schweiz? (PDF), Ausgabe 2/2026 – Erhebung Mai 2026, Universität St.Gallen/Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. www.swisspaymentmonitor.ch







