XRP gilt als einer der etabliertesten Kryptowährungs-Token überhaupt. Doch bei genauerem Blick auf die Angebotsstruktur stellt sich eine interessante Frage: Wie viel XRP steht tatsächlich dem freien Markt zur Verfügung – und wie viel davon befindet sich unter direkter oder indirekter Kontrolle von Ripple?

Bei Bitcoin ist die Angebotsstruktur vergleichsweise einfach: Die maximale Menge beträgt 21 Millionen BTC, neue Coins werden durch Mining erzeugt und die Bestände lassen sich auf der Blockchain nachvollziehen. Bei XRP ist die Situation anders. Die maximale Menge wurde von Anfang an auf 100 Milliarden XRP festgelegt. Doch diese 100 Milliarden sind keineswegs gleichbedeutend mit 100 Milliarden frei handelbaren XRP.
Rund 62,7 Milliarden XRP gelten als im Umlauf
Aktuelle Marktdaten weisen die zirkulierende XRP-Menge mit rund 62,74 Milliarden XRP aus. Die maximale Menge liegt bei 100 Milliarden XRP. Damit befinden sich nach dieser Definition knapp 63 Prozent der maximalen XRP-Menge im Umlauf.
Doch genau hier beginnt die interessante Frage: Was bedeutet „im Umlauf“ eigentlich?
Ein XRP kann sich auf einer Börse befinden, in einem privaten Wallet liegen, von einem institutionellen Investor gehalten werden oder Teil eines größeren Bestands sein, der wirtschaftlich weiterhin mit Ripple verbunden ist. Die reine Kennzahl „Circulating Supply“ sagt deshalb nur begrenzt etwas darüber aus, wie viele XRP kurzfristig tatsächlich zum Verkauf zur Verfügung stehen.
Ripple hält weiterhin einen enormen Bestand
Ripple veröffentlicht regelmäßig Angaben zu seinen XRP-Beständen. Zum 30. Juni 2026 meldete das Unternehmen insgesamt rund 37,66 Milliarden XRP, die Ripple hält. Davon befinden sich rund 32,6 Milliarden XRP in On-Ledger-Escrows.
Diese Escrows sind allerdings nicht mit frei verfügbaren XRP gleichzusetzen. Ripple kann auf die gesperrten Bestände nicht unmittelbar zugreifen. Die Freigaben sind durch die Regeln des XRP Ledgers zeitlich beschränkt. Nicht benötigte XRP werden anschließend wieder in Escrow gelegt.
Das System soll für mehr Vorhersehbarkeit sorgen. Gleichzeitig bedeutet es aber auch, dass ein erheblicher Teil der gesamten XRP-Menge mit Ripple verbunden bleibt.
Die entscheidende Frage ist nicht die maximale Menge
Die Aussage „Es gibt 100 Milliarden XRP“ klingt zunächst eindeutig. Für Anleger ist diese Zahl jedoch weniger interessant als die Frage, wie viele XRP tatsächlich auf dem Markt verfügbar sind.
Denn zwischen den folgenden Kategorien bestehen erhebliche Unterschiede:
- XRP im Besitz von Ripple
- XRP in Ripple-Escrows
- XRP auf Kryptobörsen
- XRP in privaten Wallets
- XRP bei institutionellen Investoren
- XRP in ETPs und ETFs
- langfristig gehaltene XRP
- tatsächlich kurzfristig handelbare XRP
Die Blockchain kann zwar zeigen, auf welchen Adressen sich XRP befinden. Sie kann jedoch nicht immer eindeutig feststellen, welcher wirtschaftliche Eigentümer hinter jeder Adresse steht oder ob ein Bestand tatsächlich zum Verkauf bereitsteht.
Damit entsteht eine interessante Lücke zwischen der technisch messbaren Menge und der ökonomisch verfügbaren Liquidität.
Ripple hat die Kontrolle über das Angebot reduziert – aber nicht vollständig abgegeben
Ripple hat bereits 2017 insgesamt 55 Milliarden XRP in Escrow gesperrt, um die Freigabe des Bestands vorhersehbarer zu machen. Das Unternehmen erklärte damals, dass monatlich bis zu eine Milliarde XRP freigegeben werden könnten und nicht benötigte Mengen wieder in Escrow zurückgeführt würden.
Das ist ein wichtiger Unterschied zu Bitcoin.
Bei Bitcoin besitzt kein Unternehmen einen vergleichbaren zentralen Bestand, der einen erheblichen Teil der zukünftigen verfügbaren Menge repräsentiert. Bei XRP ist die Angebotsstruktur dagegen historisch eng mit Ripple verbunden.
Das bedeutet nicht automatisch, dass Ripple den XRP-Preis manipulieren kann. Die Escrow-Regeln sind auf dem Ledger nachvollziehbar. Es bedeutet aber, dass Anleger die Angebotsseite von XRP anders betrachten müssen als bei Bitcoin.
Ein weiterer Faktor: Börsenbestände
Auch die Börsenbestände sind interessant. Eine Analyse der XRP-Versorgung vom August 2026 kommt beispielsweise auf rund 15,66 Milliarden XRP auf erfassten Kryptobörsen, während etwa 32,28 Milliarden XRP weiterhin in Ripple-Escrows liegen.
Damit wird deutlich, wie schwierig die einfache Aussage „62,7 Milliarden XRP sind im Umlauf“ tatsächlich ist.
Ein großer Teil dieser 62,7 Milliarden XRP kann langfristig gehalten werden und steht damit praktisch nicht für den täglichen Handel zur Verfügung. Umgekehrt können XRP, die heute nicht auf einer Börse liegen, jederzeit auf den Markt gelangen.
Circulating Supply ist deshalb nicht dasselbe wie verfügbare Liquidität.
Warum das für den XRP-Preis wichtig ist
Für den Preis eines Vermögenswerts zählt nicht nur die theoretische Gesamtmenge. Entscheidend ist auch, wie viel Angebot bei einer bestimmten Nachfrage tatsächlich auf den Markt kommt.
Wenn beispielsweise Milliarden XRP langfristig gehalten werden, kann bereits eine relativ kleine Veränderung der Nachfrage einen großen Einfluss auf den Preis haben.
Umgekehrt kann zusätzlicher Verkaufsdruck entstehen, wenn große Bestände bewegt und schließlich verkauft werden.
Genau deshalb beobachten XRP-Investoren die Ripple-Escrows, Wallet-Bewegungen und Börsenbestände so genau.
Ist XRP deshalb „zentralisiert“?
Das ist die wesentlich größere Frage hinter der Angebotsdebatte.
Das XRP Ledger selbst ist ein öffentliches Netzwerk und XRP kann von jedem Teilnehmer gehalten und übertragen werden. Ripple ist zudem nicht der einzige Akteur im XRP-Ökosystem.
Gleichzeitig besitzt Ripple weiterhin einen außergewöhnlich großen XRP-Bestand. Nach den eigenen Angaben des Unternehmens standen Ende Juni 2026 rund 37,66 Milliarden XRP im Zusammenhang mit Ripple-Beständen und Escrow.
Für Kritiker ist genau das ein Argument gegen XRP: Die wirtschaftliche Verteilung des Tokens unterscheidet sich deutlich von der eines Assets wie Bitcoin.
Befürworter können dagegen argumentieren, dass die Bestände transparent auf dem XRP Ledger nachvollziehbar sind und die Escrow-Struktur gerade geschaffen wurde, um die Freigabe planbarer zu machen.
Die eigentliche XRP-Frage lautet daher anders
Die spannende Frage ist nicht:
„Gibt es 100 Milliarden XRP?“
Das ist bekannt.
Die spannendere Frage lautet:
„Wie viele der rund 62,7 Milliarden offiziell zirkulierenden XRP sind tatsächlich frei handelbar – und wie viel davon wird von langfristigen Investoren, Institutionen oder mit Ripple verbundenen Parteien gehalten?“
Darauf gibt es keine einfache einzelne Zahl.
Und genau deshalb sollten Anleger bei XRP nicht nur auf die Marktkapitalisierung und die offiziell ausgewiesene Circulating Supply schauen. Wer die mögliche zukünftige Preisentwicklung beurteilen will, muss auch Escrow-Bestände, Ripple-Wallets, Börsenreserven, institutionelle Bestände und die tatsächliche Marktliquidität berücksichtigen.
XRP hat also kein unbekanntes Gesamtangebot. Aber die wirtschaftlich relevante „frei verfügbare“ Menge ist wesentlich schwieriger zu bestimmen als die Zahl von 100 Milliarden XRP vermuten lässt.
Das macht die Angebotsstruktur von XRP zu einem der interessantesten – und kontroversesten – Themen im gesamten Kryptomarkt.






