Seit 2001 misst die Europäische Kommission jedes Jahr, wie gut Europa forscht, erfindet und Ideen in Märkte bringt. Das Instrument dafür heißt European Innovation Scoreboard (EIS). Am 9. Juli 2026 ist die neue Ausgabe erschienen – und sie erzählt eine Geschichte mit zwei Seiten: Europa wird kontinuierlich innovativer, aber der Abstand zwischen den Mitgliedstaaten bleibt groß, und die globale Konkurrenz zieht davon.
Ein Thermometer für nationale Innovationssysteme
Der EIS ist kein Ranking im sportlichen Sinn, sondern ein Vergleichsinstrument. Er verdichtet 32 Einzelindikatoren zu einem zusammengesetzten Index, dem Summary Innovation Index. Die Indikatoren stammen aus Eurostat, OECD, WIPO und weiteren international anerkannten Quellen und decken vier gleich gewichtete Hauptbereiche ab:
- Rahmenbedingungen – Bildungsniveau, digitale Kompetenzen, Attraktivität der Forschungssysteme, Zuwanderung von Talenten
- Investitionen – öffentliche und private Ausgaben für Forschung und Entwicklung, Wagniskapital, Weiterbildung
- Innovationsaktivitäten – Produkt- und Prozessinnovationen in Unternehmen, Kooperationen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, Patente, Marken und Designs
- Wirkungen – Beschäftigung in innovativen Unternehmen, Exporte wissensintensiver Güter und Dienstleistungen, Ressourcen- und Arbeitsproduktivität
Verglichen werden die 27 EU-Mitgliedstaaten, 13 europäische Nachbarländer sowie elf globale Wettbewerber. Alle Werte werden in Prozent des EU-Durchschnitts ausgedrückt: 100 % entspricht dem EU-Mittel des jeweiligen Jahres.
Neu in der Ausgabe 2026 ist Georgien, das als Teilnehmerland am EU-Forschungsprogramm Horizon Europe erstmals ein eigenes Länderprofil erhält.
Das Gesamtbild: fast ein Jahrzehnt Wachstum
Die Innovationsleistung der EU ist seit 2019 um 11,6 Prozentpunkte gestiegen. Zwischen 2025 und 2026 legte sie um 1,7 Prozentpunkte zu – ein spürbarer Sprung nach einem Vorjahr, in dem der Zuwachs mit rund einem halben Punkt deutlich schwächer ausgefallen war. Bemerkenswert ist dabei: Ausnahmslos alle Mitgliedstaaten haben sich seit 2019 verbessert. Kein Land ist zurückgefallen.
Die Geschwindigkeit unterscheidet sich allerdings erheblich. Genau darin liegt die politische Sprengkraft des Berichts – nicht in der Frage, wer vorne steht, sondern in der Frage, wer aufholt und wer den Anschluss verliert.
Die vier Ligen
Der EIS teilt die Mitgliedstaaten in vier Leistungsgruppen ein:
| Gruppe | Schwellenwert (Anteil am EU-Durchschnitt) |
|---|---|
| Innovation Leaders | über 125 % |
| Strong Innovators | 100 % bis 125 % |
| Moderate Innovators | 70 % bis 100 % |
| Emerging Innovators | unter 70 % |
An der Spitze der EU stehen unverändert Schweden, Dänemark und die Niederlande. Finnland hält stabil den vierten Platz. Was diese Länder verbindet, ist kein einzelner Erfolgsfaktor, sondern eine Kombination: starke, international vernetzte Forschungssysteme, hohe und verlässliche F&E-Investitionen, ein gut ausgebildeter Arbeitsmarkt und funktionierende Brücken zwischen Hochschulen und Unternehmen.
Die auffälligste Bewegung dieser Ausgabe kommt aus dem Süden: Malta hat erstmals die Schwelle zu den Strong Innovators überschritten. Für einen der kleinsten Mitgliedstaaten ist das ein bemerkenswerter Aufstieg – und ein Beleg dafür, dass Größe kein Schicksal ist.
Auch auf dem Westbalkan bewegt sich etwas, wenn auch von niedrigem Niveau: Serbien ist dort der stärkste Performer, während Montenegro sowie Bosnien und Herzegowina die höchsten Zuwächse verzeichneten. Nordmazedonien und Albanien gaben leicht nach.
Deutschland: stark, aber langsamer als der Kontinent
Deutschland bleibt ein Strong Innovator und belegt Rang 9 unter den 27 Mitgliedstaaten. Gegenüber 2025 verbesserte sich das Land um 3,0 Prozentpunkte – ein solides Ergebnis. Seit 2019 fällt der Zuwachs mit rund 5,7 Prozentpunkten jedoch nur etwa halb so groß aus wie der EU-Durchschnitt von 11,6 Punkten.
Das ist der Kern des deutschen Befunds: Deutschland wird innovativer, aber langsamer als Europa insgesamt. Seine Stärken liegen dort, wo Forschung und Industrie eng verzahnt sind – bei den Forschungsausgaben der Unternehmen und in der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Da der Index relativ zum EU-Mittel berechnet wird, bedeutet ein unterdurchschnittliches Wachstum automatisch einen schrumpfenden Vorsprung.
Die Schweiz: neuntes Jahr in Folge an der Spitze
Im erweiterten Vergleich, der die Nachbarländer einschließt, führt weiterhin die Schweiz – mit 141,3 % des EU-Durchschnitts und zum neunten Mal in Folge auf Platz eins, vor dem Vereinigten Königreich, Norwegen und Island. Gegenüber 2025 legte sie um 0,5 Prozentpunkte zu.
Der Blick ins Detail ist aufschlussreicher als die Platzierung. Die Schweiz führt in mehreren Dimensionen das gesamte Feld an: attraktive Forschungssysteme, Verknüpfung von Wissenschaft und Industrie, Unternehmensinvestitionen, geistiges Eigentum, Humanressourcen sowie Ressourcen- und Arbeitsproduktivität. Der höchste Einzelwert des gesamten Scoreboards entfällt auf gemeinsame Publikationen von öffentlichen und privaten Akteuren.
Zugleich zeigen sich strukturelle Eigenheiten. Die staatliche Förderung betrieblicher Forschung liegt weit unter dem EU-Durchschnitt – eine bewusste politische Entscheidung, da die Schweiz auf Bundesebene keine allgemeine F&E-Steuergutschrift kennt und stattdessen über institutionelle Beiträge und Hochschulforschung fördert. Auch die Handelswirkungen erscheinen schwach; der Bericht weist allerdings darauf hin, dass dies teilweise ein Klassifikationseffekt ist: Die dominierende Pharma- und Chemiebranche fällt größtenteils nicht in die vom Scoreboard verwendeten Mittel- und Hochtechnologiekategorien. Und weil die Schweiz von einem außergewöhnlich hohen Ausgangsniveau startet, fällt ihr Zuwachs seit 2019 mit rund anderthalb Punkten geringer aus als der der EU.
Der globale Maßstab: Europa ist nicht allein auf dem Feld
Der unbequemste Teil des Berichts ist der Blick nach außen. Südkorea bleibt der innovationsstärkste globale Wettbewerber und liegt deutlich über dem EU-Niveau. China hat seine Leistung über die vergangenen Jahre kontinuierlich und massiv gesteigert und liegt inzwischen klar vor der EU – ein Zuwachs von über hundert Prozentpunkten seit 2019. Auch die Vereinigten Staaten, Kanada und Australien übertreffen den EU-Durchschnitt, wobei China, Südkorea und Australien ihren Abstand zuletzt vergrößert haben.
Dahinter steht eine Verschiebung der Industriepolitik: Große Volkswirtschaften haben ihre öffentliche Unterstützung für betriebliche Forschung erheblich ausgeweitet und agieren interventionistischer, als es in Europa lange üblich war.
Die eigentliche Schwachstelle: vom Labor in den Markt
Über alle Länderprofile hinweg zieht sich ein wiederkehrendes Muster. Europa verfügt über exzellente Wissenschaft, gut ausgebildete Menschen und dichte Kooperationsnetzwerke. Woran es hakt, ist die Umsetzung: Forschungsergebnisse in kommerziellen Erfolg zu übersetzen, junge Unternehmen zu skalieren und Wagniskapital in ausreichender Tiefe bereitzustellen.
Der EIS 2026 bezieht deshalb erstmals Erkenntnisse aus dem neuen European Startup and Scaleup Scoreboard ein. Der Vergleich beider Instrumente macht sichtbar, ob die allgemeine Innovationsleistung eines Landes auch von einem entsprechend starken Gründungs- und Wachstumsökosystem getragen wird – oder ob eine Lücke zwischen Forschungsstärke und unternehmerischer Verwertung klafft.
Warum das jetzt politisch zählt
Die Ergebnisse fallen in eine entscheidende Phase. Sie fließen in die Debatten über das kommende EU-Forschungsrahmenprogramm (FP10), über einen European Innovation Act und über weitere Maßnahmen zur Stärkung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit ein. Der Bericht liefert dafür keine Patentrezepte, aber eine belastbare Diagnose: Wo stehen einzelne Länder, welche strukturellen Schwächen wiederholen sich, und welche Reformen hätten den größten Hebel?
Die zentrale Botschaft der Kommission lautet dabei, dass Fortschritt nicht selbstverständlich ist. Fast ein Jahrzehnt kontinuierlichen Wachstums ist eine echte Leistung. Ob sie ausreicht, entscheidet sich nicht im Vergleich mit der eigenen Vergangenheit, sondern im Vergleich mit Seoul, Peking und Palo Alto.
Selbst nachschauen
Wer über die Schlagzeilen hinausgehen will, findet auf den Seiten der Kommission ein interaktives Werkzeug, das eigene Vergleiche erlaubt: Länderprofile visualisieren, relative Stärken und Schwächen gegenüberstellen, Zeitreihen verfolgen und Korrelationen zwischen einzelnen Indikatoren testen. Dazu kommen PDF-Profile für alle 27 Mitgliedstaaten und 13 Nachbarländer sowie der Hauptbericht, eine Zusammenfassung, der Anhang mit den Einzelindikatoren und der Methodikbericht.
Ein Hinweis zur Interpretation lohnt sich zum Schluss: Der Summary Innovation Index ist weder eine Wachstumsrate noch eine Echtzeitaufnahme. Er bündelt Daten aus unterschiedlichen Erhebungsjahren und beschreibt Systeme, keine Tagesform. Wer ihn als Rangliste liest, verpasst das Interessante – nämlich die Struktur dahinter.







