Do.. Okt. 8th, 2026

Bitcoin-Adressen gehören seit Jahren zum Alltag in der Krypto-Welt. Sie zeigen an, wohin eine Zahlung geht, welche Guthaben zu einer Wallet gehören und welche Beträge bewegt wurden. Gleichzeitig sind sie die zentrale Kennung, an der sich Nutzer nachverfolgen lassen.

Der Standardrat lautet deshalb seit jeher: für jede Zahlung eine neue Adresse verwenden. Moderne Wallets erzeugen diese automatisch. Wer eine Adresse nicht wiederverwendet, so die Idee, hinterlässt keine durchgehende Spur.

Doch möglicherweise reicht das künftig nicht mehr aus.

Der Grund heißt Wallet-Fingerprinting.

Was dabei ausgewertet wird

Dabei geht es nicht um die Adresse selbst. Stattdessen versucht ein Analyst, anhand verschiedener technischer Merkmale einer Transaktion zu erkennen, welche Software sie erstellt hat – und damit indirekt, welche Transaktionen zur selben Person gehören.

Dazu können unter anderem gehören:

  • der verwendete Adresstyp (Legacy, SegWit, Taproot) und ob der Wechselgeld-Ausgang denselben Typ hat wie die Eingänge
  • die Versionsnummer der Transaktion und das Feld nLockTime, das manche Wallets zum Schutz vor sogenanntem Fee-Sniping setzen
  • ob eine spätere Gebührenerhöhung (Replace-by-Fee) signalisiert wird
  • die Reihenfolge von Ein- und Ausgängen (manche Wallets sortieren nach einem festen Schema, andere zufällig)
  • die Art der Signaturerzeugung, die Auswahl der verwendeten Münzen und sogar die Art, wie Gebühren gerundet werden

Zusammengenommen ergeben diese Merkmale einen ziemlich charakteristischen „Fingerabdruck“ der verwendeten Wallet-Software.

Dazu kommen die klassischen Heuristiken der Chain-Analyse: Werden mehrere Eingänge in einer Transaktion zusammengeführt, gehören sie mit hoher Wahrscheinlichkeit derselben Person. Und über typische Muster lässt sich oft erkennen, welcher Ausgang die Zahlung ist und welcher das Wechselgeld – wodurch sich die Spur zur nächsten Transaktion weiterverfolgen lässt.

Der Unterschied zur Adresse

Der große Unterschied: Eine Adresse kann gewechselt werden. Ein Fingerabdruck der eigenen Wallet-Software nicht so einfach.

Wer für jede Zahlung eine neue Adresse nutzt, entfernt damit die offensichtlichste Verknüpfung. Beim Fingerprinting werden dagegen Eigenschaften ausgewertet, die bei jeder neuen Transaktion aufs Neue entstehen – unabhängig davon, wie viele frische Adressen dabei im Spiel sind.

Erschwerend kommt hinzu: Ein Cookie lässt sich löschen, eine Blockchain nicht. Was einmal in einem Block steht, bleibt dort dauerhaft und ist für jeden einsehbar. Eine Analyse, die heute noch nicht möglich ist, kann in fünf Jahren rückwirkend auf sämtliche alten Transaktionen angewendet werden.

Wie gut das funktioniert, zeigen Untersuchungen aus der Forschung. Eine viel zitierte Arbeit von Ishaana Misra identifizierte über 30 unterscheidbare Merkmale und erreichte damit aus einer einzelnen Transaktion eine Trefferquote von rund 50 Prozent bei der Frage, welche Wallet sie erzeugt hat. Eine Untersuchung an der Universitat Autònoma de Barcelona steigerte die Erkennungsgenauigkeit über 14 Wallets hinweg von 18 auf 45 Prozent – und arbeitet inzwischen daran, den Prozess mit maschinellem Lernen zu automatisieren.

Interessanterweise ist dabei oft nicht das Erkennen entscheidend, sondern das Ausschließen: Fehlt ein bestimmtes Merkmal, lassen sich damit ganze Gruppen von Wallets aus dem Rennen nehmen.

Bedeutet das das Ende der neuen Adressen?

Nein – im Gegenteil.

Adresswechsel bleibt eine der wirksamsten und einfachsten Maßnahmen überhaupt. Wer dieselbe Adresse mehrfach nutzt, macht Chain-Analyse trivial. Der Punkt ist ein anderer: Adresswechsel allein reicht nicht mehr aus, um als anonym zu gelten.

Für den Schutz der Privatsphäre könnten deshalb andere Faktoren wichtiger werden: Wallets, die ihre Transaktionen bewusst so bauen, dass sie sich nicht von anderen unterscheiden. Taproot, bei dem viele unterschiedliche Ausgabebedingungen on-chain identisch aussehen. Verfahren wie CoinJoin oder Payjoin, die die Zuordnung von Ein- und Ausgängen brechen. Ein eigener Node, damit beim Senden nicht auch noch die IP-Adresse mit der Transaktion verknüpft werden kann.

Und nicht zuletzt die Schnittstelle zur echten Welt: Sobald Coins über eine Börse mit Identitätsprüfung laufen, ist die Verbindung zwischen Person und Adresse ohnehin dokumentiert – der Rest ist reine Analysearbeit.

Selbst ausprobieren

Wie viel eine einzelne Transaktion verrät, lässt sich selbst nachvollziehen. Werkzeuge wie txray.dev zerlegen eine beliebige Bitcoin-Transaktion und zeigen an, welche Fingerabdrücke sie enthält und wie gut oder schlecht sie in Sachen Privatsphäre abschneidet.

Ein Hinweis dazu: Es gibt auch Dienste, bei denen man den eigenen Extended Public Key (xpub) hochladen kann, um die gesamte Wallet-Historie prüfen zu lassen. Damit gibt man allerdings die komplette Übersicht über sein Guthaben an einen Dritten – wer das ausprobieren will, sollte solche Werkzeuge besser lokal betreiben.

Fazit

Die Entwicklung zeigt: Eine neue Adresse zu verwenden bedeutet nicht automatisch, unbeobachtet zu sein. Wenn die offensichtliche Kennung wegfällt, übernehmen andere Merkmale ihre Rolle – bei Bitcoin genauso wie beim Browser-Fingerprinting im Web.

Für Krypto-Nutzer wird deshalb nicht nur die Frage wichtig sein, an welche Adresse sie zahlen – sondern auch, was ihre Wallet bei jeder einzelnen Transaktion nebenbei über sie verrät.

By Christian Mäder

Publisher and Founder » Christian Mäder on LinkedIn Covering Bitcoin from Switzerland — in English and German. News, press releases, embargoes and story tips: christian@bitcoinnews.ch