Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich hat mit Project Agorá erstmals echtes Geld über eine gemeinsame, programmierbare Plattform bewegt – mit dabei die SNB, UBS, PostFinance, die Basler Kantonalbank und SIX. Es ging um wenig Geld, aber um viel Prinzip.
Ende Juli 2026 hat die BIZ die Ergebnisse des sogenannten Real Value Testing (RVT) von Project Agorá veröffentlicht. Zum ersten Mal wurden dabei keine Spielgeld-Token bewegt, sondern echte Zentralbankreserven und echte Geschäftsbankeinlagen – tokenisiert und auf einer gemeinsamen Infrastruktur abgewickelt.
Die Zahlen wirken auf den ersten Blick unspektakulär: rund 800’000 Franken Gesamtvolumen, verteilt auf 30 Transaktionen in 17 Testszenarien. Einzelbeträge zwischen 9’000 und 125’000 Franken. Zum Vergleich: Das ist weniger, als über manche Stablecoin-Bridge in einer Minute fliesst. Aber darum ging es auch nicht. Es ging um den Beweis, dass die Mechanik mit echtem Geld, echten Bilanzen und echtem Recht funktioniert.
Worum es bei Project Agorá geht
Project Agorá ist eine Kooperation der BIZ mit dem Institute of International Finance (IIF), sieben Zentralbanken und über 40 Finanzinstituten. Die Idee: Der grenzüberschreitende Zahlungsverkehr läuft heute über Korrespondenzbanken. Jede Bank in der Kette führt ihre eigenen Bücher, jede prüft separat, jede bucht separat. Das kostet Zeit, Geld und erzeugt Gegenparteirisiko – Geld ist unterwegs „weg“, aber noch nicht „da“.
Agorás Antwort ist ein zweistufiges Ledger-Modell:
- Unifying Ledger: Hier liegen die tokenisierten Geschäftsbankeinlagen aller teilnehmenden Banken – währungsübergreifend, auf einer gemeinsamen Plattform.
- Jurisdictional Ledgers: Pro Währungsraum ein eigenes Ledger für die tokenisierten Zentralbankreserven. Die Zentralbank behält damit die volle Kontrolle über ihr eigenes Geld und ihre eigene Jurisdiktion.
Der entscheidende Mechanismus heisst Atomic Settlement: Eine Transaktionskette wird vollständig oder gar nicht ausgeführt. Wer mit DeFi vertraut ist, kennt das Prinzip – hier wird es auf Zentralbankgeld angewendet.
Was konkret getestet wurde
Sechs Währungen waren im Spiel: CHF, EUR, GBP, JPY, KRW und USD. Die grössten Einzelposten waren USD 110’000, GBP 99’000, CHF 72’400, JPY 86 Millionen und KRW 120 Millionen.
Getestet wurden drei Anwendungsfälle:
- Zweiwährungs-Zahlungen grenzüberschreitend (Firmenkunden und Interbank)
- Payment-versus-Payment (PvP) – beide Währungsseiten eines FX-Geschäfts werden gleichzeitig oder gar nicht abgewickelt. Genau hier liegt das klassische Herstatt-Risiko, das seit 1974 als eines der grössten ungelösten Probleme im Devisenhandel gilt.
- Einwährungs-Zahlungen – Firmenkunden, Interbank und konzernintern
Das Ergebnis, das für Schlagzeilen sorgte: Die durchschnittliche Zeit von der Zahlungsauslösung bis zum finalen Settlement betrug rund 80 Sekunden. Und das, obwohl der Prototyp gar nicht direkt an die bestehenden RTGS-Systeme der Zentralbanken oder an die Kernbankensysteme der Banken angebunden war. Heute dauern vergleichbare grenzüberschreitende Zahlungen je nach Korridor Stunden bis Tage.
Die Anbindung nach aussen lief nicht über eine proprietäre Speziallösung, sondern über etablierte ISO-20022-Standards – pacs.008 und pacs.009 für Zahlungen, camt.053 für Tagesauszüge. Das ist unspektakulär, aber wichtig: Die Plattform spricht die Sprache, die der Zahlungsverkehr ohnehin schon spricht.
Der Schweizer Anteil
Die Schweiz war überdurchschnittlich stark vertreten – und nicht nur als Rechnungswährung.
- Schweizerische Nationalbank als eine von fünf testenden Zentralbanken (neben Bank of England, Banque de France für das Eurosystem, Bank of Japan und Bank of Korea)
- UBS, PostFinance und die Basler Kantonalbank als testende Finanzinstitute
- SIX als operativer Facilitator: koordinierte sämtliche Transaktionen in vordefinierten Intraday-Fenstern anhand eines detaillierten Runbooks und aktivierte bei Bedarf die Fallback-Prozeduren
- Kaleido als Technologieanbieter der Testumgebung
Dass mit SIX die Betreiberin der Schweizer Finanzmarktinfrastruktur die operative Regie führte, ist bemerkenswert. SIX betreibt bereits die SIX Digital Exchange (SDX) und ist über das SNB-Projekt Helvetia seit Jahren an tokenisiertem Zentralbankgeld dran. Der Finanzplatz Schweiz positioniert sich hier nicht als Zuschauer, sondern als Infrastrukturlieferant.
Warum das für die Krypto-Welt relevant ist
Hier lohnt sich die Präzision, denn die Schlagzeilen verwischen die Unterschiede gerne.
Das ist keine öffentliche Blockchain. Agorá ist eine erlaubnisbasierte Plattform mit Multi-Faktor-Authentifizierung, Maker-Checker-Prozessen und manuellen Freigabepunkten. Bei jeder Ausgabe und Rücknahme von tokenisierten Einlagen musste eine Bank manuell zustimmen, bei Reserven die Zentralbank. Der Cross-Currency-Betrag wurde bei Zweiwährungsgeschäften von Hand eingegeben. Von Zensurresistenz oder erlaubnisfreiem Zugang ist das so weit entfernt wie ein Tresor von einem Marktplatz.
Aber es ist auch keine Absage an Tokenisierung – im Gegenteil. Die BIZ, die sich in ihren Berichten wiederholt kritisch bis ablehnend zu Krypto geäussert hat, übernimmt hier die technischen Kernkonzepte: Token als Träger von Wert und Logik, gemeinsames Ledger statt getrennter Bücher, atomare Abwicklung, Programmierbarkeit. Der Streit dreht sich längst nicht mehr darum, ob Geld tokenisiert wird, sondern wer die Token ausgibt und unter welchem Regelwerk.
Und genau das ist der Punkt für Stablecoins. Agorá tokenisiert zwei Formen von traditionellem Geld: Zentralbankreserven und Geschäftsbankeinlagen. Stablecoins von Tether oder Circle sind privat emittierte Forderungen gegen ein Unternehmen. Beide beschleunigen Zahlungen, aber sie unterscheiden sich fundamental darin, wer emittiert, unter welcher Aufsicht das steht und wer das Risiko trägt, wenn der Emittent ausfällt. Der Erfolg von USDT und USDC im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr ist unübersehbar – und Agorá ist unter anderem die Antwort des Bankensektors darauf: gleiche Geschwindigkeit, aber mit Zentralbankgeld als Settlement-Asset und bestehendem Aufsichtsrahmen.
Was der Test nicht zeigt
Zur Ehrlichkeit gehört auch das:
- Das Volumen ist ein Rundungsfehler. 800’000 Franken in 30 Transaktionen beweisen, dass die Mechanik funktioniert – nichts über Skalierbarkeit, Belastbarkeit oder Kosten im Produktivbetrieb.
- Die Integration fehlt. Kernbankensysteme und RTGS waren nicht angebunden. Die 80 Sekunden gelten für die Plattform, nicht für den Weg dorthin und zurück. Ob die reale Ende-zu-Ende-Zeit ähnlich aussieht, ist offen.
- Die manuellen Bruchstellen sind bewusst eingebaut. Sie waren für den Test notwendig, stehen aber im Widerspruch zum Versprechen der Automatisierung. Wie viel davon perspektivisch wegfällt, ist ungeklärt.
- Die rechtliche Grundlage war ein Vertrag zwischen den Teilnehmern, kein bestehendes Regelwerk. Die Frage, wie tokenisierte Einlagen über Jurisdiktionen hinweg rechtlich einzuordnen sind, bleibt offen.
Die BIZ selbst betont, Agorá sei kein fertiges Produkt, sondern ein Prototyp zur Evaluation. Die Tests sollen weitergehen.
Fazit
Rund 250 Mitarbeitende aus Zahlungsverkehr, Compliance, Risk und Legal waren beteiligt. Das ist vielleicht die aufschlussreichste Zahl des ganzen Berichts: Sie zeigt, dass es hier weniger um eine technische Machbarkeitsfrage geht als um die organisatorische. Die Technik hat funktioniert. Der Rest – Recht, Governance, Prozesse, Integration – ist die eigentliche Arbeit.
Für den Finanzplatz Schweiz ist der Test ein starkes Signal: SNB, SIX, UBS, PostFinance und BKB sitzen dort, wo entschieden wird, wie das Geld der nächsten Dekade abgewickelt wird. Und für alle, die seit Jahren über tokenisiertes Geld reden: Die Institutionen, die das Konzept am lautesten kritisiert haben, bauen es jetzt selbst.
Auf einen Blick
| Volumen | ca. CHF 800’000 |
| Transaktionen | 30 in 17 Szenarien |
| Währungen | CHF, EUR, GBP, JPY, KRW, USD |
| Ø Settlement-Zeit | ca. 80 Sekunden |
| Zentralbanken | SNB, BoE, Banque de France, BoJ, BoK |
| Schweizer Institute | UBS, PostFinance, Basler Kantonalbank, SIX |
| Standards | ISO 20022 (pacs.008, pacs.009, camt.053) |
| Veröffentlichung | BIZ, 30. Juli 2026 |







