Wer zum ersten Mal auf Wero stößt, denkt fast zwangsläufig: Aha, der digitale Euro ist also da. Die Botschaft passt ja perfekt. „Made in Europe“, Geld in zehn Sekunden, direkt vom Bankkonto, ohne Karte, ohne IBAN-Getippe. Nur die Handynummer des Empfängers, fertig.
Der Eindruck ist trotzdem falsch. Wero ist nicht der digitale Euro. Es ist etwas ganz anderes – und die Frage, was von beidem sich am Ende durchsetzt, ist gerade eine der interessanteren Auseinandersetzungen in der europäischen Finanzpolitik.
Zwei Projekte, ein Ziel, komplett verschiedene Wege
Hinter Wero steht die European Payments Initiative, ein Zusammenschluss europäischer Banken und Zahlungsdienstleister. Ein privatwirtschaftliches Produkt also, kein staatliches. Technisch ist Wero keine neue Währung und auch keine neue Infrastruktur, sondern eine besonders elegante Benutzeroberfläche für etwas, das längst existiert: die SEPA-Echtzeitüberweisung. Das Geld auf dem Konto bleibt normales Giralgeld. Wero macht nur das Bezahlen so schnell und beiläufig, wie man es bisher von PayPal kannte – nur eben ohne PayPal.
Der digitale Euro dagegen wäre digitales Zentralbankgeld. Kein Guthaben bei einer Geschäftsbank, sondern eine direkte Forderung gegen die Europäische Zentralbank. Elektronisches Bargeld, wie es die EZB gerne nennt, inklusive Offline-Funktion für Zahlungen ohne Internetverbindung. Er soll das Bargeld nicht ersetzen, sondern ergänzen.
Der Unterschied klingt technisch, ist aber fundamental: Bei Wero geht es darum, wie Geld bewegt wird. Beim digitalen Euro darum, was das Geld überhaupt ist.

Warum beide überhaupt existieren
Der gemeinsame Auslöser ist eine unbequeme Zahl. Der ganz überwiegende Teil der Kartenzahlungen im Euroraum läuft über zwei große US-Anbieter, im Onlinehandel sieht es ähnlich aus. Wer den Zahlungsverkehr kontrolliert, kontrolliert Datenströme und im Zweifel auch Abhängigkeiten. Spätestens seit klar ist, wie schnell sich politische Verhältnisse ändern können, gilt das in Brüssel und Frankfurt als strategisches Risiko, nicht als Randnotiz.
Wero und der digitale Euro sind beide Antworten darauf. Sie kommen nur aus entgegengesetzten Richtungen: die eine von den Banken, die andere von der Notenbank.
Der Vorsprung liegt derzeit bei Wero
In der Praxis ist die Sache momentan ziemlich eindeutig. Wero ist seit Juli 2024 am Markt und nach Angaben von EPI inzwischen auf über 57 Millionen Nutzerinnen und Nutzer in Europa gewachsen, davon rund neun Millionen in Deutschland. Verfügbar ist der Dienst bislang in Belgien, Frankreich und Deutschland; der Sprung nach Österreich bahnt sich an, seit dort mehrere große Institute bei EPI als Gesellschafter eingestiegen sind.
Funktional ging es zunächst um Zahlungen zwischen Privatpersonen – Kinokarten, Sushi-Bestellung, geteilte Rechnung. Inzwischen kommt das Bezahlen im Onlinehandel dazu, mit einer wachsenden Zahl von Händlern. Der nächste große Schritt wäre die Ladenkasse.
Der digitale Euro dagegen existiert bislang als Konzept, Verordnungsentwurf und Testumgebung. Der Pilot soll in der zweiten Jahreshälfte 2027 starten und zwölf Monate laufen, die Ausgabe wird für 2029 angepeilt – unter dem ausdrücklichen Vorbehalt, dass der europäische Rechtsrahmen bis dahin steht. Der Gesetzentwurf liegt beim EU-Parlament, und Einigkeit ist dort kein Selbstläufer.
Der Streit, den kaum jemand offen austrägt
Genau aus dieser Konstellation entsteht Reibung. Aus der Kreditwirtschaft, besonders aus dem Sparkassenlager, kommt seit Monaten die Forderung, auf einen digitalen Euro für Privatkunden lieber ganz zu verzichten und stattdessen auf Wero zu setzen. Die Argumente: Wero ist da, Wero funktioniert, und zwei sehr ähnliche Bezahlverfahren nebeneinander würden Nutzer eher verwirren als überzeugen.
Dahinter steckt auch handfestes Eigeninteresse. Banken fürchten, dass Kundeneinlagen in Richtung Zentralbank abfließen, und drängen deshalb auf strenge Obergrenzen für digitale Euro-Guthaben. Die Kosten für die Umstellung werden auf mehrere Milliarden Euro geschätzt – Geld, das die Institute aufbringen müssten, während ihnen der digitale Euro gleichzeitig ins eigene Produkt hineinregiert.
EPI selbst gibt sich diplomatischer. Wero-Chefin Martina Weimert hält beide Projekte für durchaus komplementär. Und in dieser Lesart ergibt es sogar Sinn: Der digitale Euro liefert die öffentliche Basisinfrastruktur für digitales Geld, Wero baut die kundennahen Anwendungen darauf. Ob es so kommt, hängt allerdings weniger von der Technik ab als von Interessen, die derzeit auseinanderlaufen.
Was heißt das für den Alltag
Für Nutzerinnen und Nutzer ist die Antwort auf die Ausgangsfrage praktisch simpel. Wer heute eine europäische Alternative zu PayPal und Co. sucht, findet sie in Wero – meist direkt in der eigenen Banking-App, ohne zusätzliche Installation. Der digitale Euro ist dagegen ein Projekt der nächsten Jahre, mit offenem Ausgang.
Wero ist damit nicht die erste App für den digitalen Euro. Es ist eher der Versuch, europäische Zahlungssouveränität hinzubekommen, bevor der digitale Euro überhaupt fertig ist. Ein Wettlauf, in dem der Herausforderer aus dem Bankenlager gerade deutlich weiter vorne liegt als die Zentralbank.
Quellen und Hintergrund
- Wero – offizielle Website und EPI Company SE
- Table.Briefings: Wero versus digitaler Euro – Welche Rolle spielen die digitalen Bezahlsysteme?
- Table.Briefings: Wero-Chefin sieht eigenes Geschäftsmodell neben EZB-Projekt
- IT Finanzmagazin: Wero statt digitaler Euro – Sparkassen fordern Tempo
- Institut der deutschen Wirtschaft (Markus Demary): Schaffen Wero und der digitale Euro mehr Wettbewerb im Zahlungssystem?
- PPI AG: Digitaler Euro vs. Wero im Zahlungsverkehr
- CVJ.ch: EZB will Pilotphase des digitalen Euro ab 2027 starten
- CORRECTIV: Online bezahlen ohne Visa, PayPal und Co.
- Bankkonditionen.at: RBI und BAWAG beim EZB-Pilotprojekt, Wero verfolgt eigene Ziele







