Auf einer Karte des Grossraums Zürich, publiziert von der Greater Zurich Area, drängen sich auf zehn Kilometern Distanz mehr Forschungsstandorte der globalen Tech-Elite als in den meisten europäischen Metropolen. Apple, Google, Meta, Microsoft, NVIDIA, OpenAI, Anthropic, Disney Research, IBM, Huawei – dazu ETH, Universität Zürich und ein staatlicher Supercomputer. Ein Blick darauf, warum ausgerechnet hier.
Die Karte
Wer die Visualisierung zum ersten Mal sieht, hält sie für ein Rendering: zu viele Logos, zu wenig Fläche. Aber die Standorte sind real und teilweise seit Jahren gewachsen. Google unterhält in Zürich seinen grössten Entwicklungsstandort ausserhalb der USA, IBM forscht seit 1956 in Rüschlikon, Disney Research sitzt am Stadtrand, Microsoft, Meta, Apple und NVIDIA betreiben Teams in oder um die Stadt. Dazu kommen die jüngeren Ankömmlinge: OpenAI und Anthropic haben in den letzten zwei Jahren Zürcher Büros eröffnet – in beiden Fällen mit Forschenden, die vorher an der ETH oder bei Google DeepMind waren.
Auffällig ist die zweite Farbe auf der Karte. Neben den blauen Punkten für Unternehmen stehen violette für Forschung: ETH Zürich, Universität Zürich, ZHAW, das ETH AI Center, das Robotics and AI Institute – und der «Swiss AI Tower» mit dem Nationalen Hochleistungsrechenzentrum CSCS und dem Swiss Data Science Center. Genau diese Mischung ist der Punkt.
Der Kreislauf
Das Zürcher Modell lässt sich in einem Satz beschreiben: Die Wege sind kurz. Ingenieure aus Konzernlabors unterrichten an der ETH. ETH-Absolventinnen gehen zu den Frontier-Labs. Forschende gründen eigene Firmen. Diese Gründer sitzen wenige Zugminuten von industriellen Erstkunden entfernt – ABB, Pharma, Maschinenbau, Finanzindustrie.
In grösseren Ökosystemen sind Labor, Talent, Kapital und Anwendung geografisch und organisatorisch weit auseinander. In Zürich passt die ganze Kette in eine Tramfahrt. Das ist kein Marketingargument, sondern ein Geschwindigkeitsvorteil: Ideen zirkulieren schneller, wenn das Netzwerk dicht ist.
Der Startpunkt der Kette ist bekannt. Die ETH gehört seit Jahren zu den stärksten technischen Hochschulen Europas, zusammen mit der EPFL in Lausanne bildet sie die Basis für einen wachsenden Teil der Schweizer Ausgründungen. Bei den neu gegründeten Schweizer Startups entfällt inzwischen rund ein Viertel auf KI und Machine Learning, Robotik holt schnell auf.
Der öffentliche Teil der Infrastruktur
Für ein Schweizer Publikum ist der weniger sichtbare Teil der Karte der interessantere. Mit dem Supercomputer «Alps» am CSCS in Lugano verfügt die Schweiz über eigene, öffentlich finanzierte Rechenkapazität für KI-Training – eine Ressource, über die in Europa nur wenige Länder verfügen und die sonst fast ausschliesslich in den Händen einiger US-Konzerne liegt.
Daraus ist 2025 unter anderem «Apertus» entstanden, ein von ETH, EPFL und CSCS entwickeltes, vollständig offenes Sprachmodell – offen nicht nur bei den Gewichten, sondern auch bei Trainingsdaten und Methodik. Wer die Debatte um Dezentralisierung, Nachvollziehbarkeit und Souveränität aus dem Krypto-Umfeld kennt, erkennt das Muster: Es geht darum, kritische Infrastruktur nicht vollständig an geschlossene Anbieter auszulagern.
Nicht zufällig steht auf derselben Karte auch DFINITY, die Zürcher Stiftung hinter dem Internet Computer. Der Krypto-Cluster in Zug ist eine gute halbe Stunde entfernt. Zwei Szenen, die sich um Rechenleistung, Kryptografie und verteilte Systeme drehen, teilen sich denselben Talentpool – und zunehmend dieselben Fragen: Wer kontrolliert die Modelle, wer die Daten, wer die Hardware?
Die andere Seite
Ein paar Einschränkungen gehören dazu, sonst wird aus der Analyse eine Standortbroschüre.
Erstens: Die Wertschöpfung dieser Labore fliesst mehrheitlich in ausländische Konzernbilanzen. Zürich liefert Forschung und Fachkräfte, die Plattformen selbst gehören anderen.
Zweitens: Der Wettbewerb um Personal ist brutal. Wenn Frontier-Labs Löhne zahlen, mit denen keine Hochschule mithalten kann, verliert die Universität genau jene Leute, die die nächste Generation ausbilden sollten. Der Kreislauf funktioniert nur, solange das Labor Nachschub produziert.
Drittens: Kleine Fläche heisst auch enge Kapazität. Wohnraum, Büroflächen und Kontingente für ausländische Fachkräfte sind begrenzt – für einen Standort, der auf internationale Talente angewiesen ist, ist das ein realer Deckel.
Was daraus folgt
Die Karte zeigt einen Zustand, keine Garantie. Sie zeigt aber auch, dass die Schweiz in einem Technologiefeld mitspielt, das lange Forschungszyklen, spezialisiertes Personal und teure Infrastruktur verlangt – also genau jene Dinge, die sich nicht in zwei Quartalen aufbauen lassen und die man deshalb auch nicht in zwei Quartalen verliert.
Die offene Frage ist nicht, ob Zürich weiter Forschungsstandort bleibt. Sie lautet: Welches Schweizer Deep-Tech-Unternehmen wächst aus diesem Ökosystem heraus zu einem globalen Marktführer – statt nur die besten Leute für die Marktführer der anderen auszubilden?







