Mit «MoonPay Enterprise» fasst der Krypto-Zahlungsdienstleister Pay-in, Konvertierung, Auszahlung und Stablecoin-Emission in einer einzigen Schnittstelle zusammen. Das klingt nach einem Produkt-Release, ist aber ein Signal: Der Wettbewerb im internationalen Zahlungsverkehr verschiebt sich von der Korrespondenzbank zur API. Für den Schweizer Finanzplatz, der seinen Rechtsrahmen dafür erst noch fertigstellt, ist das eine unbequeme Nachricht.
MoonPay hat am 6. August 2026 mit MoonPay Enterprise eine neue Geschäftslinie lanciert. Sie richtet sich nicht an Retail-Kundinnen und -Kunden, die Bitcoin per Kreditkarte kaufen – dafür ist MoonPay bekannt geworden –, sondern an Banken, Fintechs, Payment Service Provider und Händler. Technisch beruht das Angebot auf Iron, der API-first-Plattform für Stablecoin-Infrastruktur, die MoonPay im März 2025 übernommen hatte. Iron wird damit faktisch zum institutionellen Rückgrat von MoonPay umgebaut; Iron-Gründer Max von Wallenberg-Pachaly führt die neue Einheit als CEO.
Vier Bausteine, eine Schnittstelle
Das Angebot besteht laut Mitteilung aus vier Modulen:
- Pay In – Einzug von Fiatgeld über lokale Zahlungsschienen wie SEPA, ACH, FPS oder PIX sowie über SWIFT, Eingang auf virtuelle Konten und automatische Umwandlung in Stablecoins.
- Convert – Zugang zu institutioneller Stablecoin-Liquidität für Treasury-Management, Plattform-Liquidität und grössere OTC-Konversionen.
- Pay Out – globale Auszahlungen, wahlweise in Stablecoins oder in lokaler Fiatwährung.
- Issue – Emission vollständig gedeckter White-Label-Stablecoins auf eigener Infrastruktur.
Der eigentliche Verkaufsargument ist nicht ein einzelner dieser Bausteine, sondern deren Kombination. Wer bisher einen stablecoin-basierten Zahlungsfluss bauen wollte, musste einen Anbieter für den Fiat-On-Ramp, einen zweiten für die Emission und einen dritten für die grenzüberschreitende Abwicklung zusammenstecken. Jeder Übergang erzeugte eine zusätzliche Vendor-Abhängigkeit, zusätzliche Kosten und zusätzlichen Compliance-Aufwand. Genau diese Bruchstellen will MoonPay in die Infrastruktur verschwinden lassen.
«Unternehmen zahlen Mitarbeitende in 190 Ländern, verwalten Multi-Währungs-Treasuries und wickeln Werte in Echtzeit ab»
wird MoonPay-Gründer und CEO Ivan Soto-Wright zitiert. Sie bräuchten dafür eine einzige Plattform statt eines Flickenteppichs. Von Wallenberg-Pachaly formuliert es zugespitzter: Unternehmen sollten nicht zu Experten für Bankinfrastruktur, Liquiditätsmanagement und Blockchain-Betrieb werden müssen, um Stablecoins nutzen zu können.
Referenzkunden sind bereits an Bord: Der Payroll-Anbieter Deel wickelt darüber Stablecoin-Lohnzahlungen ab, Paysafe setzt die Infrastruktur innerhalb einer Plattform mit nach eigenen Angaben 167 Milliarden US-Dollar Jahresvolumen ein, damit Händler Krypto an der Kasse akzeptieren können. Weitere genannte Partner sind Whop, WalletConnect, Ingenico, Avici, Exodus, Citrea und Scopex. Nach Unternehmensangaben werden über die Plattform bereits mehrere hundert Millionen US-Dollar Volumen in mehr als 190 Ländern für über 50 Enterprise-Partner abgewickelt.
Warum das mehr ist als ein Produkt-Launch
Der Punkt, auf den es ankommt, ist die Verschiebung der Wertschöpfungskette. Der grenzüberschreitende Zahlungsverkehr läuft heute über Korrespondenzbanken: Nostro-/Vostro-Konten, gebundenes Vorfinanzierungskapital, Abwicklung in Tagen, Gebühren, die in der Kette mehrfach anfallen, und Öffnungszeiten, die es im 24/7-Handel nicht mehr geben sollte. Stablecoins lösen jedes dieser Probleme einzeln – aber nur, wenn die Klempnerei darunter einheitlich und regulatorisch sauber ist. Genau diese Schicht wird gerade zum umkämpften Markt.
MoonPay ist damit nicht allein: Circle, Stripe mit Bridge, Paxos, Fireblocks und eine wachsende Zahl spezialisierter Anbieter zielen auf dieselbe Position zwischen Bank und Blockchain. Wer diese Schicht besetzt, wird zum Infrastrukturanbieter für Zahlungsflüsse, die bislang durch Bankbilanzen liefen – ohne selbst eine Bank sein zu müssen. Für Finanzinstitute heisst das: Ein Teil des Ertragspools im Cross-Border-Geschäft, traditionell margenstark, wandert in eine API-Gebühr.
Bemerkenswert für Bitcoin-Leserinnen und -Leser ist ein Detail in der Partnerliste: Mit Citrea findet sich dort ein ZK-Rollup, das auf Bitcoin aufsetzt. Stablecoin-Infrastruktur wird also nicht mehr ausschliesslich als Ethereum-, Solana- oder Tron-Thema gedacht. Das ändert nichts daran, dass der wirtschaftliche Kern dieser Entwicklung die Ausbreitung des digitalen Dollars ist – ein Prozess, den Teile der Bitcoin-Community mit guten Gründen skeptisch beobachten.
Die regulatorische Grundlage – und die Schweizer Lücke
MoonPay stützt das Angebot auf einen bestehenden Lizenzfussabdruck: Money-Transmitter-Lizenzen in allen 50 US-Bundesstaaten, eine New Yorker BitLicense, eine MiCA-Zulassung in der EU sowie Registrierungen unter anderem in Grossbritannien, Kanada und Australien. Dazu kommen die Zertifizierungen SOC 2, PCI DSS und ISO 27001. Die MiCA-Zulassung erhielt MoonPay Europe B.V. Ende Dezember 2024 von der niederländischen AFM – als eines der ersten Unternehmen überhaupt. Seit dem 1. Juli 2026 ist die MiCA-Übergangsfrist im gesamten EWR abgelaufen; wer dort ohne Lizenz Krypto-Dienstleistungen anbietet, muss sein Geschäft geordnet abwickeln.
Und die Schweiz? Sie baut parallel, aber langsamer. Der Bundesrat hat am 22. Oktober 2025 die Vernehmlassung zu einer Revision des Finanzinstitutsgesetzes (FINIG) eröffnet, die bis zum 6. Februar 2026 lief. Vorgesehen sind zwei neue Bewilligungskategorien: das Zahlungsmittelinstitut, das die bisherige Fintech-Bewilligung nach Art. 1b BankG ablöst und die Ausgabe von Schweizer Stablecoins – gesetzlich «wertstabile kryptobasierte Zahlungsmittel» – ausdrücklich erlaubt, sowie das Krypto-Institut für Verwahrung, Handel und Tausch, konzeptionell vergleichbar mit dem CASP unter MiCA. Die bisherige Obergrenze von 100 Millionen Franken für entgegengenommene Kundengelder fällt, Kundengelder sollen im Konkurs absonderbar sein. Mit dem Inkrafttreten wird frühestens Ende 2026, realistischer Anfang 2027 gerechnet. Ergänzend hat die FINMA mit der Aufsichtsmitteilung 01/2026 vom 12. Januar 2026 präzisiert, unter welchen Bedingungen die Verwahrung von Kryptowerten bei ausländischen Drittverwahrern zulässig ist.
Praktisch bedeutet das: Schweizer Fintechs, Handelsunternehmen und Zahlungsdienstleister, die heute stablecoin-basierte Flüsse aufbauen wollen, tun dies überwiegend auf ausländisch lizenzierter Infrastruktur. Für exportorientierte KMU mit Lieferanten und Freelancern ausserhalb des SEPA-Raums, für Payroll über Anbieter wie Deel oder für Treasury in mehreren Währungen ist das Angebot betriebswirtschaftlich attraktiv – regulatorisch verlagert es aber Abhängigkeiten ins Ausland, während der Franken als Stablecoin-Referenzwährung eine Randerscheinung bleibt.
Einordnung
Drei Punkte gehören zur nüchternen Betrachtung.
Erstens ist «eine einzige Integration» das Verkaufsargument und zugleich das Risiko. Wer Emission, Liquidität, Ein- und Auszahlung über denselben Anbieter führt, konzentriert Gegenpartei-, Betriebs- und Konzentrationsrisiko an einer Stelle. Was an Vendor-Management gespart wird, kommt als Klumpenrisiko zurück.
Zweitens sind die genannten Volumen- und Partnerangaben Unternehmensangaben aus einer Medienmitteilung; sie sind weder testiert noch unabhängig überprüfbar. «Vollständig gedeckt» ist bei White-Label-Emissionen zudem eine Aussage, deren Wert von Reservezusammensetzung, Verwahrung, Attestierungsrhythmus und – entscheidend – vom durchsetzbaren Rücknahmeanspruch abhängt. Genau hier setzen sowohl MiCA als auch die geplante Schweizer Vorlage an.
Drittens ist die strategische Stossrichtung klar: Der Zahlungsverkehr wird zur Software. Für Schweizer Banken und Infrastrukturanbieter stellt sich damit weniger die Frage, ob Stablecoins relevant werden, sondern ob die Schweiz rechtzeitig einen Rahmen liefert, in dem diese Schicht auch hier gebaut werden kann – oder ob sie am Ende nur importiert wird.







