Die US-Goldnachfrage ist im zweiten Quartal 2026 um 94 Prozent eingebrochen. Wer den Zahlen des World Gold Council auf den Grund geht, findet allerdings keine Kapitulation der Goldkäufer – sondern zwei Monate, in denen ETF-Anleger den Markt verlassen haben. Ein Muster, das Bitcoinern seit dem Spot-ETF-Start bestens vertraut ist.
Ein Einbruch, der keiner ist
Die Schlagzeilenzahl aus dem jüngsten Bericht des World Gold Council klingt dramatisch: Die gesamte Goldnachfrage in den USA fiel im zweiten Quartal 2026 auf 7,9 Tonnen. Zum Vergleich: Im Vorjahresquartal waren es 126,2 Tonnen, der Zehnjahresdurchschnitt liegt bei rund 90 Tonnen pro Quartal. Das entspricht einem Rückgang von 94 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Nur: Diese Zahl beschreibt nicht, wie viel Gold Amerikanerinnen und Amerikaner gekauft haben. Sie beschreibt eine Nettorechnung, in der die Abflüsse aus börsengehandelten Goldfonds als negative Nachfrage verbucht werden. Zieht man die ETFs heraus, sieht das Bild völlig anders aus.
Schmuck, Technologie sowie Barren und Münzen ergaben zusammen 52,3 Tonnen – praktisch identisch mit den 55,8 Tonnen des Vorjahresquartals und deutlich über dem schwachen ersten Quartal. Die physische Nachfrage war also stabil. Volatil war ausschliesslich das Papier darüber.

Zwei Monate erklären das ganze Halbjahr
Noch deutlicher wird es, wenn man die ETF-Bewegungen monatlich betrachtet. Die Abflüsse verteilten sich nicht gleichmässig über das Halbjahr, sondern konzentrierten sich fast vollständig auf zwei Monate: den März mit minus 85 Tonnen (rund 13 Milliarden US-Dollar) und den Juni mit minus 40 Tonnen (rund 5 Milliarden US-Dollar). April und Mai hoben sich gegenseitig praktisch auf.
Unter dem Strich verloren die US-Gold-ETFs im ersten Halbjahr 61 Tonnen. Rechnet man die beiden Ausreissermonate heraus, hätten sie 65 Tonnen Zuflüsse verzeichnet. Der World Gold Council spricht deshalb von zwei einzelnen Liquidationsepisoden – nicht von einer anhaltenden Abkehr vom Gold.
Was die Abflüsse ausgelöst hat
- Gewinnmitnahmen und Rebalancing: Nach der starken Entwicklung 2025 und neuen Rekordständen Anfang 2026 waren Goldpositionen in vielen Portfolios über ihre Zielgewichtung gewachsen.
- Liquiditätsbedarf: Die Eskalation im US-Iran-Konflikt brachte Anleger zunächst dazu, Liquidität aufzubauen – ausgerechnet durch den Verkauf des Safe-Haven-Assets.
- Höhere Opportunitätskosten: Ein stärkerer Dollar, steigende Renditen und nach hinten verschobene Zinssenkungserwartungen machten zinsloses Gold relativ unattraktiver.
- Negatives Preismomentum: Die Preisschwäche im Juni senkte die kurzfristigen Renditeerwartungen – und die Rücknahmen verstärkten die Abwärtsbewegung zusätzlich.
Bekannte Mechanik für Bitcoin-Anleger
Diese Liste dürfte jedem vertraut vorkommen, der die Spot-ETF-Flüsse bei Bitcoin verfolgt. Die Argumente sind praktisch deckungsgleich: Dollarstärke, Realzinsen, Momentum, Quartalsend-Rebalancing grosser Allokatoren.
Damit teilt Gold inzwischen ein strukturelles Problem mit Bitcoin. Sobald ein Asset primär über ETF-Wrapper gehalten wird, spiegelt die offizielle Nachfragestatistik nicht mehr die Überzeugung der Endnutzer wider, sondern das Portfolio-Management institutioneller Adressen. Ein einziger Monat mit koordinierten Rücknahmen kippt eine Quartalsbilanz – während jene, die das Gut tatsächlich besitzen wollen, unverändert weiterkaufen.
Der Retailmarkt kaufte weiter
Genau das zeigen die Segmentdaten. Barren und Münzen legten gegenüber dem Vorjahr um 28 Prozent auf 13,8 Tonnen zu, auch wenn sie unter dem starken ersten Quartal blieben. Händler in Nordamerika berichteten von einem zweiseitigen Markt: Langfristanleger nahmen bei hohen Preisen Gewinne mit, andere nutzten Rücksetzer zum Nachkaufen.
Zwei Details aus den Händlergesprächen sind bemerkenswert. Erstens floss weiterhin Geld von Silber in Gold – mehrere Marktteilnehmer meldeten Goldkäufe bei gleichzeitiger Silberliquidation. Zweitens bevorzugten Privatanleger klar Investmentbarren gegenüber Münzen, um pro eingesetztem Dollar möglichst viel Metall zu erhalten.
Die Schmucknachfrage blieb mengenmässig schwach (minus 25 Prozent auf 22,2 Tonnen), wertmässig stieg sie dagegen. Konsumenten wichen auf leichtere Stücke und tiefere Karatzahlen aus, wobei die Schwäche im Massenmarkt am stärksten ausfiel.
Die Zahlen im Überblick
| Nachfrage (Tonnen) | Q2 2025 | Q1 2026 | Q2 2026 | Δ zum Vorjahr |
|---|---|---|---|---|
| Schmuck | 29.7 | 13.4 | 22.2 | −25 % |
| Technologie | 15.3 | 18.3 | 16.3 | +6 % |
| Barren und Münzen | 10.8 | 17.4 | 13.8 | +28 % |
| ETFs | 70.4 | −16.4 | −44.4 | – |
| Total | 126.2 | 32.7 | 7.9 | −94 % |
Fazit
Die Meldung «US-Goldnachfrage bricht um 94 Prozent ein» ist faktisch korrekt und trotzdem irreführend. Sie misst die Stimmung an der ETF-Oberfläche, nicht die Nachfrage darunter. Wer bei Gold wie bei Bitcoin wissen will, was wirklich passiert, muss die beiden Ebenen konsequent auseinanderhalten – und der World Gold Council liefert mit diesem Bericht unfreiwillig die beste Illustration dafür.
Quelle: World Gold Council, «Gold Demand Trends: US Focus Q2 2026», 5. August 2026. Dieser Artikel stellt keine Anlageberatung dar.







