Sa.. Okt. 10th, 2026

Am 30. Juli 2026 hat das EuroHPC Joint Undertaking (EuroHPC JU) die Ausschreibung für den Bau und Betrieb von bis zu sieben AI Gigafactories (AIGF) in der EU eröffnet. Getragen von der Industrie und gestützt auf bis zu 10 Mrd. € an EU- und nationalen Mitteln soll die Initiative mindestens 20 Mrd. € an privaten Investitionen mobilisieren – daher die kommunizierte Gesamtgröße von über 30 Mrd. €.

Formal handelt es sich nicht um eine Förderausschreibung, sondern um eine gemeinsame Beschaffung von Rechenzeit: EuroHPC JU und mehrere Teilnehmerstaaten kaufen gemeinsam Compute-Zugangszeit bei den ausgewählten Gigafactories ein. Die öffentliche Finanzierung fungiert dabei als Ankerkunde, der das erhebliche Kapitalrisiko reduziert. Diese Konstruktion ist beihilfe- und vergaberechtlich der Kern der Sache und wird in der Berichterstattung oft verkürzt als „Subvention“ dargestellt.

Losstruktur und Kapazitätsschwellen

Das Verfahren ist in zwei Lose und je zwei Phasen geteilt:

Los 1 Los 2
Projekte bis zu 4 bis zu 3
EU-Mittel Phase 1 bis 100 Mio. € bis 200 Mio. €
EU-Mittel Phase 2 bis 400 Mio. € bis 800 Mio. €
Öffentl. Gesamt (EU + national) bis ~1 Mrd. € bis ~2 Mrd. €
Prozessoren Phase 1 ≈ 25.000 ≈ 40.000
Prozessoren Phase 2 ≈ 75.000 ≥ 100.000

Die Schwellen sind in den Vergabeunterlagen relativ definiert: In Phase 2 muss Los 1 mindestens das Dreifache der Prozessorkapazität der derzeit leistungsfähigsten europäischen AI Factory erreichen; Los-2-Projekte müssen zunächst bis zum Doppelten dieser Referenz einsetzen und in Phase 2 mindestens das Vierfache – also mindestens 100.000 Prozessoren, davon mindestens 40.000 bereits in Phase 1. Als Referenzeinheit dienen H100-Äquivalente – ein Benchmark, den heise als auffällig konservativ einordnet, da seit der H100 zwei NVIDIA-Generationen erschienen sind.

Die Arithmetik geht auf: 4 × 500 Mio. € + 3 × 1.000 Mio. € = 5 Mrd. € EU-Mittel, gespiegelt durch nationale Kofinanzierung → 10 Mrd. € öffentlich. Der Deckel für öffentliche Beteiligung liegt bei 35 % der Gesamtinvestition.

Rechtsgrundlage und Governance

Grundlage ist die Verordnung (EU) 2026/150 vom 16. Januar 2026 zur Änderung der EuroHPC-Verordnung (EU) 2021/1173. Sie erweitert das Mandat der EuroHPC JU um die Säule „AI Gigafactories“ sowie um Quantentechnologien. Die im Parlamentsverfahren (2025/0229 NLE) eingeführte Legaldefinition ist eng: eine AI Gigafactory ist eine Großanlage mit mehr als 100.000 fortgeschrittenen KI-Prozessoren; zusätzlich wurde ein „AI Gigafactory Coordinator“ definiert, der in der Union ansässig und keinen drittstaatlichen Rechts- oder Finanzkonditionalitäten unterworfen sein darf.

Antragsberechtigt sind Konsortien oder Zweckgesellschaften (SPV) aus Unternehmen, öffentlichen Stellen, Investoren und weiteren Partnern; die Anlagen können in einem Mitgliedstaat, an mehreren Standorten oder grenzüberschreitend verteilt errichtet werden. In der Praxis dämpft EuroHPC die Erwartungen an verteilte Modelle: Man wolle nicht hundert kleine Rechenzentren, so ein hochrangiger Zuständiger.

Beteiligte Staaten: 18 Mitgliedstaaten haben eine gemeinsame Beschaffungsvereinbarung unterzeichnet: Kroatien, Tschechien, Dänemark, Estland, Finnland, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Ungarn, Irland, Italien, Lettland, Litauen, Polen, Portugal, Slowakei, Spanien und Schweden. Für Los 1 treten Tschechien, Dänemark, Finnland, Frankreich und Polen als Teilnehmerstaaten auf, beitragende Staaten sind Kroatien, Estland, Ungarn, Irland, Lettland, Litauen, Slowakei und Schweden. Deutschland, Italien, Spanien, Griechenland und Portugal zielen auf die großen Los-2-Anlagen.

Zeitachse

Einreichungsfrist ist der 12. November 2026; nach der Bewertung folgt die Auswahl Anfang 2027, der Betrieb soll binnen 18 Monaten nach Vertragsunterzeichnung aufgenommen werden. Realistischer Betriebsbeginn: Mitte bis Ende 2028.

Offene Flanken

Finanzierung: Ein Teil der öffentlichen Finanzierung stammt aus dem laufenden MFR, der Großteil jedoch aus dem nächsten Mehrjährigen Finanzrahmen (2028–2035) – der noch verhandelt wird. Nach Politico sind derzeit nur rund 1 Mrd. € abgesichert, weitere 4 Mrd. € stehen unter MFR-Vorbehalt.

Hardware-Souveränität: Im Nachgang des EU-US-Handelsabkommens hat die Kommission drei Absichtserklärungen mit AMD, NVIDIA und Qualcomm unterzeichnet, um den Konsortien reibungslosen Hardwarezugang zu sichern. Die Vergabekriterien adressieren Lock-in-Effekte bei Lieferanten, und die LoIs erlauben ausdrücklich Beschaffung bei Anbietern in Europa oder gleichgesinnten Ländern, mit einer Carve-out-Regelung für europäische Start-ups und Scale-ups. Die Spannung zwischen Souveränitätsrhetorik und US-Silizium bleibt der offensichtlichste Kritikpunkt.

Energie und Nachfrage: Ein Cluster dieser Größe zieht laut CEPS-Analyse rund 120–150 MW Gesamtanschlussleistung. Netzanschluss, Wasserverbrauch und lokale Akzeptanz sind ungelöst; ebenso die Frage, ob die europäische Nachfrage die Kapazität auslastet – die Kommission verweist auf gesättigte Bestandsinfrastruktur, Kritiker im EP auf fehlende Ankernutzer.

Primärquellen (Direktlinks)

Ausschreibung und Verfahren

Kommission

Rechtsakte

Fachpresse (Detailtiefe zu Losen und Schwellenwerten)

Eine Anmerkung zur Zahlenlage: Die kursierenden Angaben „25.000–75.000″ bzw. „40.000–100.000 Chips“ stammen aus dem Briefing für Journalisten und sind Ableitungen aus den relativ formulierten Schwellen der Vergabeunterlagen. Für belastbare Zitierung sollten Sie die Tender Documents selbst heranziehen.

By Christian Mäder

Publisher and Founder » Christian Mäder on LinkedIn Covering Bitcoin from Switzerland — in English and German. News, press releases, embargoes and story tips: christian@bitcoinnews.ch