Do.. Okt. 8th, 2026

Der Bitwise Crypto Market Review für das dritte Quartal 2026 liest sich auf den ersten Blick wie eine Bilanz des Schreckens: drittes Verlustquartal in Folge, Rekordabflüsse aus Bitcoin-ETFs, Bitcoin unter 60’000 Dollar. Auf den zweiten Blick erzählt der Report aber eine ganz andere Geschichte – eine von Infrastruktur, Adoption und einer Branche, die doppelt so gross ist wie am letzten Zyklustief.

Die Zahlen: ein brutales zweites Quartal

Der Bitwise 10 Large Cap Crypto Index verlor im zweiten Quartal 2026 rund 15,4 Prozent, acht von zehn Indexbestandteilen schlossen im Minus. Seit Jahresbeginn steht der Index bei minus 35,9 Prozent. Bitcoin rutschte im Juni erstmals seit 2024 unter die Marke von 60’000 Dollar und notierte damit rund 52 Prozent unter dem Oktoberhoch von 126’080 Dollar. Der Krypto-Winter dauert damit bereits neun Monate.

Besonders schmerzhaft: Die US-Spot-Bitcoin-ETFs verzeichneten mit 4,9 Milliarden Dollar die höchsten Quartalsabflüsse seit ihrem Start im Januar 2024. Das verwaltete Vermögen liegt noch bei rund 72,4 Milliarden Dollar, die kumulierten Nettozuflüsse seit Auflegung bei 53,4 Milliarden. Bei den Ethereum-ETPs sieht es ähnlich aus: 8,5 Milliarden Dollar AUM bei kumulierten Zuflüssen von 10,9 Milliarden – der Rest ist Preisverfall.

Auch bei den Einzelwerten war das Bild düster. Ethereum verlor im Quartal knapp 25 Prozent, Cardano fast 40 Prozent, XRP rund 21 Prozent, Solana etwa 11 Prozent.

Die Ausnahmen: Hyperliquid und die KI-Miner

Zwei Gewinner stechen heraus. Hyperliquid legte im zweiten Quartal um 79 Prozent zu und steht seit Jahresbeginn bei plus 158 Prozent – getrieben von wachsender Nachfrage nach Perpetual Futures auf Öl und Pre-IPO-Werte sowie erfolgreichen Spot-ETF-Starts in den USA. Bemerkenswert: Bei den Protokollerlösen liegt Hyperliquid mit rund 912 Millionen Dollar auf Zwölfmonatssicht inzwischen auf Rang zwei hinter PancakeSwap.

Noch stärker war der Aktienbereich. Der Bitwise Crypto Innovators 30 Index gewann im Quartal 30,6 Prozent – fast ausschliesslich dank Bitcoin-Minern, die ihre Rechenzentren auf KI-Workloads umbauen. Hut 8 legte 146 Prozent zu, Riot Platforms 122 Prozent, Cipher Mining 90 Prozent, TeraWulf und Core Scientific je rund 71 Prozent. Die Kehrseite: Strategy (minus 30 Prozent) und Coinbase (minus 16 Prozent) wurden abgestraft. Strategy verkaufte im späten zweiten Quartal erstmals seit 2022 wieder Bitcoin – 218 Millionen Dollar zur Finanzierung von Dividenden.

Das eigentliche Argument: der Zyklusvergleich

Der zentrale Gedanke des Reports stammt von Bitwise-CIO Matt Hougan, und er ist erfrischend unaufgeregt: Fast alle Charts stehen unter ihren Allzeithochs – kein Wunder bei einem Preisrückgang von über 50 Prozent. Vergleicht man dieselben Kennzahlen aber nicht mit dem Hoch, sondern mit 2022, dem Boden des letzten Bärenmarkts, dreht sich das Bild:

  • Die Transaktionsaktivität im Ethereum-Ökosystem liegt rund 13-mal höher als im zweiten Quartal 2022.
  • Das in DeFi gebundene Kapital (TVL) liegt über 60 Prozent höher.
  • Die Stablecoin-Marktkapitalisierung hat sich ungefähr verdoppelt und hält sich seit letztem Herbst stabil bei rund 300 Milliarden Dollar – quer durch den gesamten Ausverkauf.

Sinngemäss lautet Hougans Fazit: Der Markt bepreist eine Branche zu Bärenmarktkursen, die doppelt so gross ist wie am letzten Tiefpunkt. Das Fundament stoppe den Winter nicht, entscheide aber darüber, was im Frühling wachse.

Wo tatsächlich Wachstum stattfindet

Prediction Markets waren das Highlight des Quartals: rekordhohe 43 Milliarden Dollar Handelsvolumen, wovon allein rund 31 Milliarden auf Sportwetten entfielen. Kalshi dominiert Sport (51 Prozent Marktanteil) und Krypto (61 Prozent), Polymarket die Politik (89 Prozent). Das offene Interesse kletterte auf Richtung 1,8 Milliarden Dollar.

Tokenisierte Realwerte erreichten mit über 33 Milliarden Dollar ein Allzeithoch, ein Plus von 45 Prozent seit Jahresbeginn – angeführt von tokenisierten US-Staatsanleihen.

Stablecoins haben endgültig die Schwelle zur Finanzinfrastruktur überschritten: Das On-Chain-Transaktionsvolumen übertrifft inzwischen deutlich das Zahlungsvolumen von Visa, und die grössten Emittenten halten zusammen so viele US-Staatsanleihen, dass sie im Ranking der Halter zwischen Singapur und Norwegen liegen würden.

DeFi zeigte relative Stärke: Während Bitcoin im Berichtsmonat rund 22 Prozent verlor, gab der DeFi-Index von Bitwise nur etwa 4 Prozent nach. Aave allein generierte im vergangenen Jahr Erlöse von rund 900 Millionen Dollar.

Was im dritten Quartal zählt

Bitwise nennt vier Katalysatoren:

  1. CLARITY Act: Das Marktstruktur-Gesetz passierte den Senats-Bankenausschuss, blockiert nun aber an Ethikbestimmungen rund um die Krypto-Interessen der Präsidentenfamilie. Prediction Markets taxieren die Wahrscheinlichkeit einer Verabschiedung 2026 auf rund 40 Prozent – im Mai waren es noch 75 Prozent. Kommt es durch, dürfte das laut Bitwise das Ende des Bärenmarkts markieren.
  2. GENIUS Act: Die Regeln werden im dritten Quartal finalisiert, in Kraft tritt das Gesetz im Januar 2027. Erwartet wird eine Welle von Stablecoin-Ankündigungen grosser Konzerne – etwa OpenUSD, getragen von Stripe, BlackRock, Visa, Coinbase und rund 140 weiteren Firmen.
  3. Die Warsh-Fed: Der neue Fed-Vorsitzende Kevin Warsh hat die Zinsen bislang stabil gelassen und keine Eile bei Senkungen signalisiert. FOMC im Juli und Jackson Hole im August liefern die ersten echten Signale.
  4. DeFi-Neubewertung: Bitwise erwartet, dass die Outperformance anhält – ein Trend, den der Markt typischerweise spät bemerkt.

Nicht zu vergessen die Risiken: Angreifer erbeuteten im Quartal rund 572 Millionen Dollar bei Drift und KelpDAO mit Ansteckungseffekten auf Aave und andere Kreditprotokolle. Zudem beschleunigten Forscher die Zeitpläne zum Quantenrisiko, worauf Entwickler einen Bitcoin Improvement Proposal für die dringendsten Schwachstellen vorlegten. Und die Korrelation zu Aktien ist wieder gestiegen: Bitcoin zu S&P 500 liegt bei 0,56 auf 90-Tage-Basis.

Der Schweizer Blickwinkel

Für Leserinnen und Leser hierzulande enthält der Report gleich mehrere relevante Datenpunkte. Die Schweiz hält gemäss den Daten 1’084 BTC im Gegenwert von rund 65 Millionen Dollar – weit hinter den USA (328’372 BTC), Grossbritannien (61’245 BTC) und den Emiraten, aber vor Nordkorea, Venezuela und Finnland. Auf Ebene der Staatsholdings ist Bern also bestenfalls ein Mitläufer.

Ganz anders bei den Instituten: UBS ist in der Bitwise-Übersicht zur institutionellen Adoption in vier von fünf Kategorien vertreten – Handel und Verwahrung, Krypto-ETPs, kryptobasierte Zahlungen und Tokenisierung. Damit steht die Schweizer Grossbank auf einer Stufe mit BNY Mellon, Deutscher Bank, DBS und Société Générale. Der Aufbau geschieht also nicht in der Hausse, sondern mitten im Winter – ein Muster, das Schweizer Krypto-Standorte wie Zug und Zürich aus den vergangenen Zyklen kennen.

Portfolio: Was eine kleine Allokation historisch bewirkt hat

Interessant bleibt die Portfoliobetrachtung. Ein klassisches 60/40-Portfolio erzielte seit 2014 kumuliert 144 Prozent bei einer Sharpe Ratio von 0,562. Mit einer Beimischung von 5 Prozent Bitcoin (quartalsweise rebalanciert) steigt die kumulierte Rendite auf 277 Prozent und die Sharpe Ratio auf 0,891 – bei einem maximalen Drawdown, der nur um gut drei Prozentpunkte höher liegt. Über alle rollierenden Dreijahresperioden war der Beitrag der Bitcoin-Allokation positiv.

Wichtig: Diese Zahlen sind Rückblick, kein Versprechen. Bitwise weist selbst darauf hin, dass historische Modellportfolios mit dem Vorteil des Rückblicks konstruiert wurden.

Fazit

Der Report macht keinen Hehl daraus, dass die Stimmung mies ist – Hougan spricht von den schlechtesten «Vibes» in seinen acht Branchenjahren. Genau darin sieht er aber das antizyklische Argument. Und die Saisonalität bietet einen kleinen Hoffnungsschimmer: Historisch war der September der einzige Monat mit negativer Durchschnittsrendite (minus 4,1 Prozent), während Oktober (plus 25,2 Prozent) und November (plus 35,0 Prozent) im Schnitt die stärksten Monate für Bitcoin waren.

Ob dieser Zyklus dem Muster folgt, entscheidet sich in Washington: Der CLARITY Act ist die grösste Einzelvariable des Quartals.


Dieser Beitrag fasst Daten aus dem Bitwise Crypto Market Review Q3 2026 zusammen (Stichtag der meisten Daten: 30. Juni 2026). Er stellt keine Anlageberatung dar. Krypto-Anlagen sind hochvolatil und mit dem Risiko des Totalverlusts verbunden.

Quelle / Download Report als PDF:

By Christian Mäder

Publisher and Founder » Christian Mäder on LinkedIn Covering Bitcoin from Switzerland — in English and German. News, press releases, embargoes and story tips: christian@bitcoinnews.ch