Die Schweiz konkurriert nicht mehr mit Singapur, London oder Hongkong allein. Sie konkurriert mit einem Finanzplatz, der keine Adresse hat.
Ein Finanzplatz war jahrhundertelang ein Ort. Man konnte hingehen. Der Paradeplatz, die City of London, die Wall Street – Strassenzüge, in denen sich Kapital, Vertrauen und Regulierung physisch verdichteten. Wer dazugehören wollte, mietete ein Büro.
Diese Definition trägt nicht mehr. Der wichtigste Finanzplatz der Gegenwart hat keinen Grundbucheintrag: Er läuft auf Servern, seine Öffnungszeiten sind rund um die Uhr, seine Abwicklung dauert Sekunden statt zwei Bankarbeitstage. Wer heute eine Anleihe emittiert, einen Fonds hält oder Geld über Grenzen bewegt, tut das zunehmend auf einer Infrastruktur, die keinem Land gehört.
Die Frage für die Schweiz lautet deshalb nicht mehr, ob sie diesen Wandel mitmacht. Sie lautet, ob sie ihn ausrüstet – oder ob er ohne sie stattfindet.
Was den Platz stark gemacht hat
Die Stärken des Schweizer Finanzplatzes sind real und schwer kopierbar: politische Stabilität, eine Währung, der man in Krisen zuläuft, ein Rechtsstaat mit berechenbaren Verfahren, eine Aufsicht, die international ernst genommen wird, und eine Vermögensverwaltung mit generationenübergreifender Kundenbindung. Zürich ist weiterhin der zweitgrösste Finanzplatz Europas, und bei den grenzüberschreitend verwalteten Vermögen spielt die Schweiz in der Weltspitze.
Aber die Rangliste bewegt sich. Hongkong hat die Schweiz als grössten Offshore-Vermögensverwaltungsstandort überholt – nicht, weil die Schweiz schlechter geworden wäre, sondern weil anderswo schneller gewachsen wird. Wachstumsdifferenzen von wenigen Prozentpunkten pro Jahr entscheiden über ein Jahrzehnt hinweg ganze Ranglisten.
Und der eigentliche Wettbewerber taucht in keiner Standortrangliste auf.
Der neue Platz hat keine Adresse
Was sich seit etwa 2024 verändert hat, ist nicht die Technologie – Blockchain gibt es seit über fünfzehn Jahren. Verändert hat sich, wer sie benutzt. Die Treiber der Tokenisierung sind heute nicht mehr Krypto-Enthusiasten, sondern Kartennetzwerke, Grossbanken und Vermögensverwalter. Visa wickelt Stablecoin-Settlement im Milliardenbereich ab. BlackRock betreibt einen tokenisierten Liquiditätsfonds in Milliardenhöhe. Grossbankenkonsortien in den USA prüfen gemeinsame Stablecoins. McKinsey schätzt das tokenisierte Marktvolumen bis 2030 auf rund zwei Billionen Dollar.
Das ist der Punkt, an dem aus einer Nischentechnologie eine Finanzmarktinfrastruktur wird. Und Infrastruktur ist genau das Geschäft, in dem Finanzplätze ihr Geld verdienen.
Für die Schweiz ist das doppelt unangenehm. Erstens verlagert sich Wertschöpfung von der Verwahrung und Abwicklung – margenstark, ortsgebunden, reguliert – in Netzwerke, die weder ortsgebunden noch schweizerisch sind. Zweitens greift der neue Platz genau das Versprechen an, das den alten definiert hat: Sicherheit durch Institution. Auf der Blockchain wird Sicherheit als Code behauptet, nicht als Bilanz.
Wo die Schweiz tatsächlich steht
Die Bilanz ist besser, als der Kulturpessimismus vermuten lässt – und schlechter, als die Selbstbeschreibung nahelegt.
Auf der Habenseite: Die Schweiz hat mit dem DLT-Gesetz früh einen Rechtsrahmen geschaffen, um den sie beneidet wurde. Die SIX Digital Exchange ist eine vollständig regulierte digitale Börse samt Zentralverwahrer. Die Weltbank hat eine digitale Franken-Anleihe über 200 Millionen begeben, abgewickelt mit Zentralbankgeld der SNB. Der Bundesrat hat im Oktober 2025 die Vernehmlassung zu einer Anpassung des Finanzinstitutsgesetzes für Stablecoins und Digital Assets eröffnet. Im April 2026 haben UBS, PostFinance, Sygnum, Raiffeisen, die Zürcher Kantonalbank, die BCV und die Swiss Stablecoin AG eine gemeinsame Sandbox für einen Franken-Stablecoin angekündigt. Die SNB forscht sichtbar zu Stablecoins und DLT-Infrastrukturen.
Auf der Sollseite: Es gibt bis heute keinen breit genutzten regulierten Franken-Stablecoin. Während in Dollar-Stablecoins täglich Milliarden zirkulieren, diskutiert die Schweiz noch Sandbox-Designs. Und die IFZ-Studie der Hochschule Luzern kommt für die Retailbanken zu einem ernüchternden Befund: Die Digitalisierung schreitet voran, die grosse Transformation bleibt aus. Man optimiert alte Prozesse, statt neue zu denken.
Das ist das eigentliche Risiko – nicht ein regulatorischer Fehler, sondern ein Tempoproblem. Sorgfalt, die zu lange dauert, ist im Infrastrukturwettbewerb dasselbe wie ein Nein.
Vertrauen ist ein Exportgut, kein Standortvorteil
Der Reflex, Tradition gegen Technologie auszuspielen, führt in die Irre. Die Werte, die den Schweizer Finanzplatz stark gemacht haben – Verlässlichkeit, langfristiges Denken, hohe Qualitätsstandards – verlieren im Digitalen nicht an Wert. Sie werden knapper.
Denn genau das fehlt dem Finanzplatz Internet: Wer haftet, wenn ein Smart Contract fehlerhaft ist? Wer garantiert die Einlösbarkeit eines Tokens? Wer prüft, ob Reserven tatsächlich existieren? Der Grundsatz der FINMA – gleiche Risiken, gleiche Regeln – ist keine Innovationsbremse, sondern potenziell das Verkaufsargument. Ein Franken-Stablecoin mit glaubwürdiger Deckung, Schweizer Aufsicht und Rechtsdurchsetzung wäre ein Produkt, das kein anonymes Protokoll liefern kann.
Der entscheidende Perspektivwechsel: Vertrauen muss aufhören, ein Standortvorteil zu sein, und anfangen, ein Exportgut zu werden. Ein Standortvorteil setzt voraus, dass die Kundschaft zu einem kommt. Ein Exportgut geht dorthin, wo die Kundschaft ohnehin schon ist – und die ist im Netz.
Was das konkret heisst
Drei Dinge entscheiden die nächsten Jahre:
Tempo. Vernehmlassungen und Sandboxen sind der richtige Weg, aber der Kalender wird nicht in Bern geschrieben. Regulatorische Klarheit, die drei Jahre zu spät kommt, schützt nur noch Marktanteile, die es nicht mehr gibt.
Anschlussfähigkeit. Ein Franken-Stablecoin, der nur in einem Schweizer Bankenkonsortium funktioniert, ist ein Intranet. Der Wert entsteht in der Verbindung zu globalen Netzwerken – bei gleichzeitiger Einhaltung der Schweizer Standards.
Mut zur Kannibalisierung. Die profitabelsten Erträge des Finanzplatzes stammen aus Prozessen, die tokenisierte Infrastruktur billiger erledigt. Wer diese Erträge schützt, statt sie selbst anzugreifen, überlässt das Angreifen jemand anderem.
Der Finanzplatz Schweiz wird nicht verschwinden. Sichere Häfen behalten in unsicheren Zeiten ihren Wert, und geopolitische Unsicherheit ist derzeit reichlich vorhanden. Aber der Platz wird sich entscheiden müssen, ob er ein Ort bleibt, an den man kommt – oder ein Standard wird, den man anderswo benutzt.
Der Finanzplatz Internet wartet nicht auf diese Entscheidung. Er ist jetzt.







