Ethereum Institutional hat am 29. Juli die Liste seiner Unterstützer veröffentlicht: über 100 Organisationen und Einzelpersonen, angeführt von den beiden grössten börsenkotierten ETH-Treasury-Firmen. Zwei Schweizer Namen stehen darauf. Bemerkenswerter ist, wer fehlt.
Was passiert ist
Ethereum Institutional ist am 1. Juli 2026 als unabhängige Non-Profit-Organisation gestartet. Der Zweck: eine zentrale Anlaufstelle für Banken, Vermögensverwalter, Depotbanken und Marktinfrastruktur-Anbieter, die Ethereum für Tokenisierung, Stablecoins und On-Chain-Settlement evaluieren. Geführt wird die Organisation von David Walsh, der zuvor das Enterprise-Team der Ethereum Foundation geleitet hatte. Operiert wird aus New York, London, Hongkong und Singapur.
Am 29. Juli meldete die Organisation den Abschluss ihrer ersten Finanzierungsrunde. Ankerfinanziers sind BitMine Immersion Technologies, SharpLink sowie die Ethereum-Mitgründer Joe Lubin und Mihai Alisie. Dazu kommen über 100 weitere Unterstützer aus dem Ökosystem – von Circle, Chainlink und Consensys über Uniswap Labs, Aave und Lido bis zu Infrastrukturanbietern wie Fireblocks, Anchorage Digital und Ledger.
Die Schweizer Spur
Aus der Schweiz sind zwei Namen dabei: 21Shares aus Zug, weltweit einer der grössten Emittenten von Krypto-ETPs, und Taurus aus Genf, der von der Deutschen Bank mitfinanzierte Anbieter für institutionelle Verwahrung und Tokenisierung.
Nicht auf der Liste stehen die üblichen Verdächtigen des Schweizer Krypto-Bankings: weder Sygnum noch AMINA, weder Bitcoin Suisse noch die SIX Digital Exchange. Das muss nichts bedeuten – Beitritt kostet Geld und Zeit, und mancher hält sich bei Marketing-Koalitionen bewusst zurück. Auffällig ist es trotzdem, gerade weil der Schweizer Finanzplatz Tokenisierung seit Jahren als Standortthema bewirtschaftet.
Ein zweiter Hinweis auf der Liste: Qivalis, das Amsterdamer Gemeinschaftsunternehmen von inzwischen über 30 europäischen Banken, das im zweiten Halbjahr 2026 einen MiCA-konformen Euro-Stablecoin lancieren will. Schweizer Institute sind dort nicht beteiligt – die Schweiz steht ausserhalb des MiCA-Perimeters. Wer beobachten will, wie sich europäisches Bankengeld auf einer öffentlichen Blockchain organisiert, findet hier ein Beispiel, bei dem der hiesige Finanzplatz nicht am Tisch sitzt.
Zug verliert eine Funktion
Der eigentliche Standortpunkt liegt tiefer. Die Ethereum Foundation hat ihren Sitz in Zug. Sie ist auf der Unterstützerliste nicht vertreten – und die institutionelle Arbeit, die sie jahrelang selbst verantwortet hat, wird jetzt von einer separaten Organisation aus New York, London, Hongkong und Singapur betrieben.
Das ist die Folge eines Umbaus, der die Stiftung erheblich verkleinert hat: Am 23. Juni 2026 strich die Foundation 54 Stellen, rund ein Fünftel der Belegschaft, und kürzte ihr Budget um 40 Prozent. Seit Januar haben neun ranghohe Personen die Organisation verlassen, darunter beide Co-Geschäftsführer. Vitalik Buterin hat das Ziel formuliert, die jährlichen Ausgaben bis 2030 von rund 15 auf 5 Prozent der Reserven zu senken.
Was die Stiftung abgibt, übernehmen neue Einheiten: Ethlabs für Protokollforschung, Ethereum Institutional für institutionelle Marktbearbeitung, zuletzt EthSystems für Privacy-Infrastruktur. Alle drei mit weitgehend denselben Geldgebern. Zug bleibt formal der Sitz der Stiftung – das Schwergewicht des Ökosystems verschiebt sich aber sichtbar an angelsächsische Finanzplätze.
Wer zahlt, und was heisst das?
Ethereum Institutional bezeichnet sich als «unabhängig» und «neutral». Die Finanzierung verdient trotzdem eine Fussnote. BitMine und SharpLink sind die zwei grössten börsenkotierten ETH-Treasury-Unternehmen; BitMine hat erklärt, auf fünf Prozent des gesamten ETH-Angebots zuzusteuern. BitMine-Chairman Tom Lee und SharpLink-CEO Joseph Chalom sitzen im Verwaltungsrat der Organisation. Zu den fünf Kernbereichen zählt die Organisation ausdrücklich «ETH- und Ökosystem-Marketing».
Anders formuliert: Die Instanz, die institutionellen Anlegern als neutraler Ansprechpartner für Ethereum dienen soll, wird von den grössten Haltern des Assets finanziert und im Board mitgesteuert. Das ist nicht per se unlauter – Branchenverbände funktionieren überall so, und der Schritt kommt zu einem Zeitpunkt, an dem ETH rund 65 Prozent unter seinem Allzeithoch notiert und die Finanzierung entsprechend wenig nach Opportunismus aussieht. Aber es ist ein Interessenkonflikt, der beim Lesen institutioneller Studien und Marktberichte aus diesem Haus mitgedacht werden sollte.
Die Reaktionen im Ökosystem waren überwiegend positiv. Standard Chartered sprach gegenüber CoinDesk von einer lange bestehenden Kommunikationslücke zwischen Ethereum und grossen Finanzinstituten, die nun geschlossen werde. Bitwise-CIO Matt Hougan nannte den Vorgang ein Beispiel dafür, wie sich ein dezentrales System selbst korrigiere.
Der Kontrast zu Bitcoin
Für Bitcoin-Leser liegt die naheliegende Beobachtung auf der Hand: Bitcoin hat keine Marketingabteilung, keine Standardisierungsstelle, keinen «institutional front door» – und die institutionelle Adoption ist trotzdem gelaufen, über ETFs, Bilanzstrategien und regulatorische Klärung.
Man kann daraus zwei gegensätzliche Schlüsse ziehen, und beide sind vertretbar. Der eine: Ein Netzwerk, das eine bezahlte Lobbyorganisation braucht, um Banken zu überzeugen, hat ein Produkt- oder Vertrauensproblem. Der andere: Ethereum verkauft nicht ein Asset, sondern eine Plattform mit Layer-2s, Anwendungen und Standards – und Plattformen brauchen Business Development, so wie es jede Enterprise-Software tut. Welche Lesart zutrifft, wird sich weniger an Pressemitteilungen zeigen als daran, wie viel tokenisiertes Volumen in zwölf Monaten tatsächlich auf Ethereum abgewickelt wird.
Was zu beobachten ist
- Ob Schweizer Institute – Sygnum, AMINA, SDX, Bitcoin Suisse – der Koalition noch beitreten oder bewusst fernbleiben.
- Ob die Aufteilung der Ethereum Foundation in mehrere Organisationen die Governance klärt oder die Verantwortlichkeiten weiter verwischt.
- Ob Qivalis den Euro-Stablecoin tatsächlich im zweiten Halbjahr 2026 lanciert – und auf welcher Chain.
Transparenzhinweis: Die in diesem Artikel genannten Ankerfinanziers von Ethereum Institutional halten erhebliche ETH-Positionen und haben ein wirtschaftliches Interesse an der institutionellen Adoption von Ethereum.
Quellen: Ethereum Institutional (Blogpost vom 29. Juli 2026)







