Ein neuer Sammelbandbeitrag fragt, was von der ursprünglichen Blockchain-Ideologie übrig geblieben ist – und kommt zu einem unbequemen Befund: Die Branche, die Intermediäre abschaffen wollte, hat vor allem neue hervorgebracht.
Am 28. Juli 2026 ist bei Springer VS ein Kapitel erschienen, das in der Krypto-Szene kaum jemand auf dem Radar haben dürfte – es steht in einem soziologischen Sammelband und nicht in einem Fintech-Journal. Juliane Demuth (Dresden) hat für den Band Potenziale soziologischer Praxis einen Beitrag mit dem Titel «Krypto und Blockchain: Zwischen Ideologie und Kommerzialisierung» verfasst. Auf dreizehn Seiten geht es um eine Frage, die in unserer Branche selten offen gestellt wird: Was passiert eigentlich mit einer Technologie, die als Gegenentwurf zum Finanzsystem angetreten ist und inzwischen selbst Teil davon ist?
Worum es geht
Der Ausgangspunkt der Autorin ist eine Beobachtung, die jede und jeder teilen dürfte, die seit ein paar Zyklen dabei ist: Das Feld war von Anfang an nicht nur technisch, sondern ideologisch aufgeladen. Dezentralisierung, Autonomie, Disintermediation – das sind keine neutralen Systemeigenschaften, sondern politische Versprechen mit einer erkennbar libertären Handschrift.
Diesen Narrativen stellt Demuth die Entwicklung der letzten Jahre gegenüber: Kommerzialisierung, institutionelle Verfestigung, Integration in bestehende ökonomische Strukturen. Ihre These, so weit sie sich aus dem Abstract erschliessen lässt: Das Feld inszeniert sich weiterhin als Alternative zum etablierten Finanzsystem, bringt dabei aber laufend neue Formen von Intermediären hervor.
Methodisch arbeitet sie reflexiv-phänomenologisch und bezieht eigene Felderfahrung ein – sie schreibt also nicht als Aussenstehende über eine Szene, die sie nur aus Whitepapers kennt. Rekonstruiert wird die Genese der zentralen Phänomene: Bitcoin, ICO, DAO, NFT.
Der Literaturapparat erzählt die Geschichte schon mit
Auch ohne Zugriff auf den Volltext lässt sich am Quellenverzeichnis ablesen, wie der Bogen gespannt ist. Er beginnt bei Merkles Arbeit zu Public-Key-Protokollen von 1980 und bei Nakamotos Whitepaper von 2008, führt über die Colored Coins und den Ethereum-Launch 2015 zu Christoph Jentzschs Rückblick auf den DAO-Hack – und endet bei Deutsche-Börse-ETNs, der US-Zulassung der Spot-ETFs im Januar 2024 und der MiCAR-Seite der BaFin.
Das ist, wenn man so will, die Kurzfassung des Arguments in Fussnotenform: von der Kryptographie über den ideologischen Höhepunkt bis zum regulierten Wertpapiermantel. Dazwischen steht mit Grobys, King und Sapkota (2022) eine Studie zu Betrugsverlusten im ICO-Markt und mit Laura Shins The Cryptopians der wohl bekannteste journalistische Beleg dafür, wie viel Idealismus, Gier und Legendenbildung in der Frühphase von Ethereum ineinandergriffen.
Warum das für Schweizer Leserinnen und Leser relevant ist
Ein Hinweis in eigener Sache: Der Beitrag ist erkennbar aus deutscher Perspektive geschrieben, MiCAR und BaFin sind die regulatorischen Referenzpunkte. Für uns hierzulande ist das nur die halbe Landkarte – die Schweiz steht mit dem DLT-Gesetz und der FINMA-Praxis ausserhalb des EU-Rahmens, was für das Crypto Valley bekanntlich Standortvorteil und Isolationsrisiko zugleich bedeutet.
Genau deshalb ist die Kernfrage aber übertragbar. Wer in Zug oder Zürich in den letzten Jahren Token-Strukturen aufgesetzt, Verwahrlösungen gebaut oder Bankpartnerschaften verhandelt hat, kennt die Spannung aus der eigenen Arbeit: Man verkauft Selbstverwaltung und baut gleichzeitig Institutionen, die das Gegenteil davon sind. Demuths Befund ist keine Anklage, sondern eine Beschreibung – und als solche schwer von der Hand zu weisen.
Was man kritisch anmerken darf
Zwei Vorbehalte, offen ausgesprochen:
Erstens ist die Diagnose «aus Dezentralisierungsversprechen werden neue Intermediäre» innerhalb der Szene selbst nicht neu. Sie wird seit Jahren geführt, meist unter dem Stichwort Zentralisierungsdruck bei Exchanges, Staking-Anbietern und Layer-2-Sequencern. Die soziologische Perspektive kann hier Begriffe und Systematik beisteuern – ob sie zusätzliche Erkenntnis liefert, wird sich erst am Volltext beurteilen lassen.
Zweitens birgt eine ideologiekritische Herangehensweise immer das Risiko, technische Differenzierungen einzuebnen. Bitcoin-Maximalismus, ICO-Ökonomie und der NFT-Markt von 2021 unter einem gemeinsamen Ideologiebegriff zu verhandeln, ist analytisch elegant, kann aber verwischen, dass diese Phänomene sehr unterschiedliche Anreizstrukturen hatten. Dass unter den Quellen ein BTC-ECHO-Text zum Maximalismus auftaucht, deutet immerhin darauf hin, dass die Autorin die internen Bruchlinien im Blick hat.
Zugang
Das Kapitel ist derzeit nicht frei verfügbar; öffentlich sind Zusammenfassung und Literaturverzeichnis. Über Bibliothekszugänge oder Einzelkauf kommt man an den Volltext.
Juliane Demuth (2026): Krypto und Blockchain: Zwischen Ideologie und Kommerzialisierung. In: Blättel-Mink, Onnen, Opielka, Roet, Späte, Stein-Redent (Hrsg.): Potenziale soziologischer Praxis. Reihe Sozialwissenschaften und Berufspraxis. Springer VS, Wiesbaden, S. 131–143. DOI: 10.1007/978-3-658-51996-4_8
Transparenzhinweis: Dieser Beitrag stützt sich auf die frei zugängliche Zusammenfassung und das Literaturverzeichnis des Kapitels. Eine Besprechung des Volltexts reichen wir nach, sobald uns dieser vorliegt.







