Do.. Okt. 8th, 2026

In einem der grössten und sichersten Tresore der Welt, unter der Bank of England in London, lagern rund 31 Tonnen venezolanisches Gold im Wert von etwa vier Milliarden US-Dollar. Venezuela will das Edelmetall zurück, um nach zwei schweren Erdbeben den Wiederaufbau zu finanzieren – doch die Notenbank rückt es nicht heraus, wie CNN berichtet. Der Fall zeigt, was passiert, wenn Reserven bei einer fremden Institution liegen: Am Ende entscheidet der Verwahrer, nicht der Eigentümer.

Warum das Geld jetzt gebraucht wird

Am 24. Juni 2026 erschütterten zwei Erdbeben der Stärke 7,2 und 7,5 Venezuela – nur 39 Sekunden auseinander. Tausende Menschen starben. Der wirtschaftliche Schaden entspricht laut UN-Entwicklungsprogramm rund sechs Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Für den Wiederaufbau fehlt Geld.

Warum das Gold blockiert ist

Venezuela brachte sein Gold 2008 nach London. Dass Zentralbanken Gold für andere Länder verwahren, ist üblich – in London liegen rund 400’000 Barren aus Dutzenden Staaten.

Der Streit begann 2018. Damals erkannten Grossbritannien, die USA und weitere Länder den Wahlsieg von Präsident Nicolás Maduro nicht an. Die Bank of England fror das Gold ein, weil unklar war, wer überhaupt verfügungsberechtigt ist. Seitdem läuft ein jahrelanger Rechtsstreit.

Was sich geändert hat

Im Januar wurde Maduro von US-Streitkräften festgesetzt; er sitzt heute in New York in Haft. Seine frühere Stellvertreterin Delcy Rodríguez ist Übergangspräsidentin und sucht die Annäherung an Washington: Sie öffnete den Ölsektor für US-Investitionen und liess politische Gefangene frei.

Nun hofft sie auf ein ähnliches Tauwetter mit London. Das Gold gehöre dem venezolanischen Volk und solle den Erdbebenopfern zugutekommen, sagte sie im Staatsfernsehen. Am 8. Juli schrieb sie sogar an König Charles III. – der sich als konstitutioneller Monarch allerdings nicht in politische Streitfragen einmischt.

Wie Grossbritannien reagiert

Die britische Haltung ist unklar. Die damalige Aussenministerin Yvette Cooper erklärte nach Maduros Sturz, Grossbritannien erkenne die venezolanische Regierung weiterhin nicht an. Zum Gold sagte sie, die Bank of England entscheide unabhängig; London gehe es um Stabilität und einen Übergang zur Demokratie. Inzwischen hat Grossbritannien einen neuen Premierminister, Andy Burnham; Cooper wurde von Ed Miliband abgelöst. Wie er sich positioniert, ist offen.

Ein Teilerfolg

An anderer Stelle hatte Rodríguez mehr Glück: Die seit sieben Jahren eingefrorenen Beziehungen zum Internationalen Währungsfonds wurden wieder aufgenommen. Dadurch konnte Venezuela in diesem Monat 346 Millionen Dollar aus eigenen Reserven für den Wiederaufbau abrufen.

Wie viel Gold Venezuela insgesamt noch besitzt, ist unklar. Vor rund 20 Jahren waren es etwa 300 Tonnen, der World Gold Council nennt zuletzt 161 Tonnen.

Bank of England und venezolanische Zentralbank äusserten sich auf CNN-Anfrage nicht. Das Gold bleibt vorerst, wo es ist: in London.

Einordnung

Für Leser, die sich mit Reserve-Assets beschäftigen, ist der Fall lehrreich. Gold gilt als politisch neutrales Wertaufbewahrungsmittel – aber nur, solange man physisch darüber verfügt. Liegt es im Tresor eines anderen Staates, hängt der Zugriff an dessen Anerkennungspolitik und Gerichten. Das ist genau die Art von Gegenparteirisiko, die in der Debatte um selbstverwahrte Vermögenswerte eine Rolle spielt. Ob eine andere Anlageklasse in Venezuelas Lage tatsächlich besser dagestanden hätte, lässt sich allerdings nicht seriös sagen: Auch dort entscheiden Schlüsselverwaltung, Sanktionen und Handelsinfrastruktur mit darüber, ob ein Staat sein Vermögen wirklich nutzen kann.


Quellen

By Christian Mäder

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