Neun der grössten Namen der Bitcoin- und Finanzwelt haben sich zusammengetan, um die langfristige Sicherheit des Netzwerks zu finanzieren. Im Zentrum steht eine Bedrohung, die heute noch nicht existiert, aber schon jetzt Hunderte Milliarden Dollar in Gefahr bringen könnte: leistungsfähige Quantencomputer.
Am 23. Juli 2026 haben BlackRock, Coinbase, Strategy, Fidelity Digital Assets, Galaxy, Block, Blockstream, ARK Invest und Anchorage Digital gemeinsam das Bitcoin Security Consortium gegründet. Über drei Jahre verteilt fliessen mindestens 15 Mio. USD in die Sicherheitsforschung rund um Bitcoin – mit einem klaren Schwerpunkt auf einem Thema, das lange als akademisches Randproblem galt: die Vorbereitung auf Post-Quanten-Kryptografie.
Für Leserinnen und Leser von Bitcoin News Schweiz lohnt sich ein genauer Blick, denn diese Gründung markiert einen doppelten Wandel: Erstens rückt eine bislang theoretische Bedrohung nun offiziell auf die Agenda der grössten institutionellen Bitcoin-Halter. Zweitens zeigt die gewählte Struktur, wie heikel das Thema Einflussnahme auf ein dezentrales Protokoll ist – und wie die Beteiligten versuchen, genau das zu vermeiden.
Was das Consortium ist – und was es bewusst nicht ist
Das Bitcoin Security Consortium ist kein Fonds im klassischen Sinn. Es gibt keinen gemeinsamen Topf und keine zentrale Instanz, die über die Verwendung der Mittel entscheidet. Stattdessen steuert jedes der neun Gründungsmitglieder seine eigenen Zusagen unabhängig an selbst gewählte Entwickler, Forschungsgruppen und Organisationen. Das Gremium selbst entwickelt das Bitcoin-Protokoll nicht und bezieht keine Position zu konkreten Protokolländerungen.
Diese Konstruktion ist kein Zufall, sondern eine bewusste Antwort auf eine heikle Frage: Wer bezahlt eigentlich die rund vierzig Bitcoin-Core-Entwickler, die Software pflegen, die weit über eine Billion Dollar an Wert absichert – und welchen Einfluss verschafft das den Geldgebern? Indem das Consortium jede zentrale Steuerung ausdrücklich ausschliesst, will die Gruppe verhindern, dass sich institutionelle Grossanleger wie BlackRock oder Fidelity in die technische Ausrichtung von Bitcoin einmischen können.
Die operative Koordination liegt bei Mike Schmidt, Executive Director der Non-Profit-Organisation Brink, die seit Jahren Bitcoin-Open-Source-Entwickler finanziert. Schmidt übernimmt diese Rolle ehrenamtlich und betonte öffentlich, dass er unabhängig von jedem einzelnen Mitglied weiterhin Brink leitet. Robert Mitchnick, Global Head of Digital Assets bei BlackRock, formulierte die Motivation der Gründungsmitglieder so: Bitcoin-Core-Entwickler leisteten enorm wichtige Arbeit, und die Gruppe wolle nun deutlich zusätzliche Mittel für Bitcoins langfristige Sicherheitsbedürfnisse bereitstellen.
Die eigentliche Bedrohung: Sieben Millionen BTC in der Gefahrenzone
Warum ausgerechnet jetzt? Der Auslöser ist die wachsende Sorge um leistungsfähige Quantencomputer, die Bitcoins kryptografisches Fundament – die Elliptische-Kurven-Kryptografie – theoretisch angreifbar machen könnten. Ein Bericht des quantentechnischen Beirats von Coinbase bezifferte im Juni 2026 den betroffenen Bestand auf rund 7 Mio. BTC. Beim aktuellen Kurs entspricht das einem Gegenwert von rund 458 Mrd. USD.
Der verwundbare Bestand setzt sich aus zwei Kategorien zusammen:
- Rund 1,7 Mio. BTC liegen in alten Pay-to-Public-Key-Adressen (P2PK) aus Bitcoins Frühzeit, deren öffentlicher Schlüssel dauerhaft und offen auf der Blockchain sichtbar ist. Ein bedeutender Teil davon wird mit Wallets aus der Satoshi-Nakamoto-Ära in Verbindung gebracht.
- Rund 5 Mio. BTC gelten als exponiert, weil ihre Adressen wiederverwendet wurden. Wer eine Adresse nach dem ersten Versand erneut nutzt, legt damit den öffentlichen Schlüssel offen.
In beiden Fällen könnte ein Angreifer mit einem sogenannten kryptografisch relevanten Quantencomputer (CRQC) mithilfe des Shor-Algorithmus theoretisch den privaten Schlüssel aus dem öffentlich sichtbaren Schlüssel ableiten – und damit Zugriff auf die Coins erhalten. Ein solcher Computer existiert heute nicht. Glaubwürdige Schätzungen verorten diese Fähigkeit noch Jahre in der Zukunft; in der Branche kursiert häufig eine Zielmarke um das Jahr 2030, wobei die Spannbreite seriöser Prognosen von etwa 2028 bis in die 2030er-Jahre reicht. Die Bedrohung ist also nicht unmittelbar – aber real, und der Vorlauf für eine saubere Migration ist bei einem dezentralen, langsam iterierenden Netzwerk wie Bitcoin denkbar knapp bemessen.
Wie die Bitcoin-Entwicklung bereits reagiert
Die Consortium-Gründung fällt nicht in ein Vakuum. Auf der Protokollebene arbeiten Bitcoin-Core-Entwickler bereits an konkreten Lösungen. Im Februar 2026 wurde BIP-360 eingereicht, das mit Pay-to-Merkle-Root (P2MR) einen neuen, quantenresistenten Adresstyp vorschlägt – kompatibel mit der bestehenden Taproot-Infrastruktur, aber ohne den angreifbaren Key Path.
Darauf aufbauend folgte im April 2026 der deutlich kontroversere BIP-361 („Post Quantum Migration and Legacy Signature Sunset“), eingereicht von Casa-CTO Jameson Lopp und fünf Mitautoren. Der Vorschlag sieht ein dreiphasiges Vorgehen vor: Phase A verbietet nach einer Übergangsfrist neue Überweisungen an quantenverwundbare Adressen, Phase B lässt veraltete ECDSA/Schnorr-Signaturen komplett auslaufen und friert nicht migrierte Guthaben faktisch ein, Phase C soll über einen Rückerstattungsmechanismus mittels Zero-Knowledge-Proofs eine Rettungsoption für Nutzer mit noch vorhandener Seed-Phrase bieten. In der Community löste besonders die Aussicht auf ein mögliches „Einfrieren“ alter Guthaben scharfe Kritik aus – Stichwort „Enteignung von oben“. BIP-361 bleibt bislang ein Entwurf und ist Gegenstand laufender Debatten, zeigt aber, wie ernst Teile der Entwicklergemeinde das Thema bereits nehmen.
Auf der praktischen Seite hat Blockstream Research schon im März 2026 einen wichtigen Meilenstein erreicht: Mit dem selbst entwickelten, hash-basierten Signaturverfahren SHRINCS wurden auf dem Liquid Network erstmals reale, post-quanten-signierte Transaktionen mit echtem Geld ausgeführt – ohne dass dafür die Konsensregeln des Netzwerks geändert werden mussten. Möglich wurde dies durch Simplicity, Blockstreams Smart-Contract-Sprache. Die Technologie ist bewusst optional: Nutzerinnen und Nutzer können ihre Liquid-Bitcoin freiwillig in quantensicherere Konstrukte verschieben, ohne dass das gesamte Netzwerk mitziehen muss.
Eine Welle einzelner Firmen-Initiativen ging voraus
Das Consortium bündelt eine ganze Reihe von Einzelinitiativen, die sich in den Monaten zuvor überschlagen hatten:
- Strategy kündigte bereits im Februar 2026 während einer Quartalsmitteilung ein eigenes Bitcoin Security Program an und schrieb im März die Stelle eines Director of Bitcoin Security aus. Als grösster börsennotierter Bitcoin-Halter machte der Softwarekonzern das Thema früh zur eigenen Priorität.
- Galaxy Digital lancierte nur zwei Tage vor der Consortium-Gründung, am 21. Juli 2026, die eigene Bitcoin Quantum Readiness Initiative: bis zu 5 Mio. USD an Entwickler-Grants, ein Forschungs- und Publikationsprogramm sowie ein neu geschaffener Quantum Advisory Council mit Fachleuten aus Quantenphysik und Kryptografie. Unklar bleibt, ob diese 5 Mio. USD im 15-Mio.-Pledge des Consortiums bereits enthalten sind.
- Coinbase unterhält seit Januar 2026 einen eigenen unabhängigen Quantencomputing-Beirat, der im April ein 51-seitiges Positionspapier veröffentlichte: Quantencomputer stellten heute keine unmittelbare Gefahr dar, doch die Vorbereitung müsse jetzt beginnen, da eine Umstellung auf Post-Quanten-Kryptografie Jahre dauern könne.
Diese Dichte an parallelen Ankündigungen – Strategy, Galaxy, Blockstream, Coinbase, und nun das gemeinsame Consortium – zeigt, wie schnell sich das Thema Quantensicherheit 2026 von einer Nische zu einem zentralen Risikothema für institutionelle Bitcoin-Halter entwickelt hat.
Was das für institutionelle Bitcoin-Halter bedeutet
Für Anlegerinnen und Anleger markiert die Gründung einen Wahrnehmungswandel: Quanten-Vulnerabilität wird nicht mehr Entwicklern allein überlassen, sondern aktiv als Risikomanagement-Frage der grössten Vermögensverwalter behandelt. Bezeichnend ist, dass ausgerechnet BlackRock, Fidelity Digital Assets und Strategy – drei der grössten institutionellen Bitcoin-Adressen überhaupt – zu den Gründungsmitgliedern zählen. Auch BlackRock hat Quantencomputing inzwischen formal als Risikofaktor in den Unterlagen seines Spot-Bitcoin-ETF aufgeführt.
Konkrete Auswirkungen auf den Bitcoin-Kurs oder unmittelbaren Handlungsbedarf für Privatanleger ergeben sich aus der Gründung nicht – ein kryptografisch relevanter Quantencomputer existiert heute nicht, und die vorgeschlagenen Protokolländerungen sind allesamt noch in der Entwurfs- oder Diskussionsphase. Wer alte P2PK-Adressen hält oder Adressen wiederverwendet, sollte die Debatte um BIP-360/361 aber im Auge behalten, da spätere Migrationsfristen betroffene Guthaben direkt berühren könnten.
In den kommenden Monaten will das Consortium eigenes Material zur Bitcoin-Sicherheit veröffentlichen und laufend aktualisieren, um Investoren, Öffentlichkeit und Medien als verlässliche Informationsquelle zu dienen. Bitcoin News Schweiz wird die weitere Entwicklung – insbesondere den Fortgang von BIP-360 und BIP-361 sowie mögliche Selbstverpflichtungen weiterer Institute – begleiten.
Primärquellen
- Pressemitteilung Bitcoin Security Consortium (Strategy): https://www.strategy.com/press/leading-financial-institutions-bitcoin-companies-launch-the-bitcoin-security-consortium_07-23-2026
- BIP-360 & BIP-361, offizielles GitHub-Repository (bitcoin/bips): https://github.com/bitcoin/bips/blob/master/bip-0361.mediawiki
- Blockstream: „Bitcoin’s Quantum Defense“ (Übersichtsseite): https://blockstream.com/quantum/
- Blockstream Research Blog – Ankündigung post-quanten-signierter Transaktionen auf Liquid: https://blog.blockstream.com/blockstream-research-demonstrates-quantum-resistant-transaction-signing-on-liquid-using-simplicity-smart-contracts/
- Galaxy Digital Newsroom – Bitcoin Quantum Readiness Initiative: https://www.galaxy.com/newsroom/galaxy-launches-bitcoin-quantum-readiness-initiative







