Der World Gold Council und YouGov haben Anfang 2026 zum neunten Mal ihre jährliche Central Bank Gold Reserves Survey durchgeführt. 76 Zentralbanken haben teilgenommen – ein Rekord. Das Ergebnis liest sich wie ein Lehrbuch für jeden, der sich für Bitcoin als alternativen Wertspeicher interessiert: Vertrauen in Fiat-Reserven sinkt, Vertrauen in unverschuldete, nicht-zurechenbare Assets steigt.
Wer die Bitcoin-Szene seit Jahren verfolgt, kennt das Argument: Gold und Bitcoin sind im Kern dieselbe Wette – auf ein Geldsystem, das nicht von der Bonität eines einzelnen Staates abhängt. Die neue Central Bank Gold Reserves Survey 2026 von World Gold Council (WGC) und YouGov liefert dafür harte Zahlen direkt aus erster Hand: von den Notenbanken selbst.
Die wichtigsten Zahlen im Überblick
Die Befragung lief zwischen dem 5. Februar und dem 19. Mai 2026 und erreichte mit 76 Antworten die höchste Teilnahme seit Bestehen der Umfrage – eine Rücklaufquote von 51 % unter allen kontaktierten Institutionen. 58 Antworten kamen von Schwellen- und Entwicklungsländern (EMDE), 18 von Industrieländern.
Die zentralen Befunde:
- 89 % der Zentralbanken erwarten, dass die globalen Goldreserven der Notenbanken in den nächsten zwölf Monaten weiter steigen werden – ein neuer Höchstwert.
- 45 % der Befragten gehen davon aus, dass ihre eigene Institution in den nächsten zwölf Monaten Gold zukauft. Auch das ist ein Rekord.
- 84 % glauben, dass Gold in fünf Jahren einen höheren Anteil an den Gesamtreserven ausmachen wird als heute.
- 74 % rechnen damit, dass der Anteil des US-Dollars an den globalen Reserven in fünf Jahren moderat oder deutlich gesunken sein wird.
Zur Einordnung: Zentralbanken haben in den vergangenen vier Jahren im Schnitt rund 1’000 Tonnen Gold pro Jahr akkumuliert – doppelt so viel wie im Schnitt der zehn Jahre davor. Die Befragung wurde grösstenteils nach Beginn des Nahost-Konflikts beantwortet, was die geopolitische Grundstimmung des Reports erklärt.

Bemerkenswert an diesem Chart ist nicht nur das Niveau, sondern die Richtung: Seit 2019 ist der Anteil der Zentralbanken, die einen Anstieg der eigenen Goldreserven erwarten, von 8 % auf 45 % geklettert. Das ist kein Strohfeuer, sondern ein struktureller Trend über sieben Jahre.
„Performance in Krisenzeiten“ ist jetzt der Top-Grund
Spannend ist, warum Zentralbanken Gold halten. Laut Umfrage nennen 90 % der Befragten Golds Verhalten in Krisenzeiten als relevanten Faktor – ein neuer Rekordwert. Auf den Plätzen folgen die Rolle als langfristiger Wertspeicher / Inflationsschutz (84 %) und die Diversifikationswirkung (83 %).
Auffällig ist der Unterschied zwischen Industrie- und Schwellenländern: 85 % der EMDE-Notenbanken sehen Gold als Absicherung gegen geopolitische Risiken, bei den Industrieländern sind es nur 56 %. Die geopolitische Komponente ist also vor allem für Länder relevant, die selbst stärker von Sanktionsrisiken oder politischer Fremdbestimmung betroffen sein könnten – ein Argument, das in der Bitcoin-Debatte unter dem Stichwort „Zensurresistenz“ eigentlich identisch geführt wird, nur eben auf digitaler Ebene.
Der Dollar verliert (langsam), Gold gewinnt
Den vielleicht aussagekräftigsten Chart des Reports liefert die Frage nach der erwarteten Reservezusammensetzung in fünf Jahren:

Während 74 % der Notenbanken einen sinkenden Dollar-Anteil erwarten, rechnen 84 % mit einem steigenden Gold-Anteil. Euro und Renminbi liegen dazwischen, wobei der Renminbi mit 67 % „höher“-Erwartungen überraschend stark abschneidet – ausgehend allerdings von einem verschwindend kleinen Basisniveau von aktuell nur 1 % der globalen Reserven.
Ein Zitat eines (anonymen) Umfrageteilnehmers bringt die Stimmung auf den Punkt: Man erwarte eine Verschiebung weg vom Dollar, vor allem bei Ländern, deren Beziehung zur US-Aussenpolitik belastet sei – während andere betonen, dass die Liquidität und Tiefe des Dollarmarkts vorerst unerreicht bleibe. Die Botschaft: kein abrupter Bruch, aber ein klarer, langsamer Trend.
Finanzierung der Käufe: die Hälfte zahlt in Landeswährung
Neu in diesem Jahr wurde erstmals gefragt, wie Zentralbanken ihre zusätzlichen Goldkäufe finanzieren. Die Antwort ist bezeichnend: 50 % der kaufbereiten Institutionen nutzen ein heimisches Ankaufsprogramm in Landeswährung, 38 % verkaufen dafür bestehende Reserve-Assets (vermutlich primär Dollar- oder Anleihebestände) und 32 % verwenden neu akkumulierte Reserven.
Das heisst: Ein erheblicher Teil der Goldkäufe wird direkt aus dem eigenen Geldsystem heraus finanziert – Zentralbanken drucken im Prinzip Landeswährung, um damit hartes Geld zu kaufen. Für Bitcoiner ein vertrautes Muster, nur mit Gold statt BTC.
Lagerung: Bank of England bleibt Favorit, aber die Diversifikation nimmt zu
Bei der Frage, wo das Gold physisch lagert, bleibt die Bank of England mit 57 % die mit Abstand populärste Adresse, gefolgt von der heimischen Lagerung mit 49 % und der Bank for International Settlements mit 16 %. Die Schweizerische Nationalbank verzeichnet dagegen einen deutlichen Rückgang als Lagerort – von 12 % im Vorjahr auf nur noch 6 %.
Gleichzeitig zeigt der Report einen klaren neuen Trend: 9 % der Notenbanken haben in den letzten zwölf Monaten ihre heimische Lagerung ausgebaut, 10 % haben ihre Lagerorte im Ausland diversifiziert – beides deutlich mehr als im Vorjahr (5 % bzw. 2 %). Für die kommenden zwölf Monate planen weitere 7 % bzw. 9 % entsprechende Schritte.
Diese „Heimholung“ und Diversifikation von Gold ist im Kern dieselbe Logik, die auch Bitcoin-Verwahrungsdebatten prägt: Wer sein hartes Geld nicht selbst kontrolliert, trägt ein Gegenparteirisiko – egal ob es sich um Goldbarren im Tower of London oder BTC auf einer Custodial-Exchange handelt. „Not your keys, not your gold“ trifft den Kern dieses Trends ziemlich genau.
Was bedeutet das für Bitcoin?
Die Umfrage spricht nirgends über Bitcoin – das ist nicht ihr Thema. Aber die zugrundeliegende Logik, die Zentralbanken hier explizit benennen, ist exakt jene, mit der auch institutionelle Bitcoin-Anleger ihre Allokation begründen:
- Misstrauen gegenüber dem Dollar als alleiniger Reservewährung – getrieben von Staatsverschuldung, geopolitischer Instabilität und der Sorge vor finanzieller Sanktionierung.
- Diversifikation in ein Asset ohne Gegenparteirisiko und ohne Ausfallrisiko.
- Eine Absicherung, die sich in Krisenzeiten historisch bewährt hat.
- Der Wunsch, die eigene Souveränität über die Verwahrung zurückzugewinnen (Heimholung von Lagerstätten).
Gold bleibt 2026 das Asset, das Zentralbanken tatsächlich kaufen – nicht Bitcoin. Aber die Begründungen, die sie dafür liefern, sind eins zu eins die Bausteine der Bitcoin-These. Wer verstehen will, warum institutionelles Geld langsam in härtere Assets rotiert, findet in dieser Umfrage die Blaupause – nur eben mit neun Karat Gold statt 21 Millionen Bitcoin.
Quelle: World Gold Council / YouGov, „Central Bank Gold Reserves Survey 2026„, Juni 2026. Alle Zahlen und Zitate basieren auf dem Originalreport, sofern nicht anders angegeben.
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