Di.. Okt. 13th, 2026

Wer die letzten zwei Jahre die Bitcoin-Mining-Branche verfolgt hat, kennt das Muster: Ehemalige Miner verwandeln ihre Rechenzentren zunehmend in Hosting-Standorte für KI-Workloads. Strom war schon immer der knappe Faktor – und genau diesen Vorteil verkaufen frühere BTC-Miner heute an Hyperscaler und KI-Labore weiter. Core Scientific, einst einer der grössten börsennotierten Bitcoin-Miner, ist zum Paradebeispiel für diesen Pivot geworden.

Jetzt zeigt sich, dass auch das Kapital, das einst in Bitcoin-Infrastruktur floss, denselben Weg geht – nur eine Etage höher, auf der Ebene der Finanzmarktstruktur.

Galaxy investiert in die „Bloomberg-Terminal für GPUs“

Galaxy Digital, eine der bekanntesten Krypto-nativen Investmentfirmen rund um Mike Novogratz, hat sich an einer 33-Millionen-Dollar-Seed-Runde für das Startup Ornn beteiligt. Ornn baut etwas, das es im Compute-Markt bisher nicht gab: eine echte Finanzinfrastruktur für GPU-Stunden – mit Preisindex, handelbaren Derivaten und einem Marktplatz für Rechenkapazität.

Die drei Bausteine von Ornn:

  • OCPI (Ornn Compute Price Index) – ein Referenzpreis für GPU-Stunden, gespeist aus echten Transaktionsdaten über verschiedene Hardware-Klassen (H100, A100, B200) und Regionen, inzwischen auch erweitert auf Speicher und KI-Modell-Tokens.
  • Futures & Puts – handelbare Derivate auf Basis des OCPI, die unter anderem über die ICE-Börse abgewickelt werden und damit erstmals eine Forward-Kurve für GPU-Preisrisiken schaffen.
  • Ornn Compute – ein Marktplatz, der Anbieter und Abnehmer von Rechenkapazität zusammenbringt und damit die bisher intransparenten, einzeln verhandelten Verträge durch sichtbare Marktpreise ersetzt.

Die Parallele zu Bitcoin liegt auf der Hand

Für ein Krypto-Publikum ist die Analogie kaum zu übersehen: Bitcoin brauchte Jahre, bis sich rund um den Spotpreis eine ganze Derivate-Industrie aufbaute – Futures, Optionen, später ETFs. Erst dadurch wurde aus einem volatilen, schwer einzuschätzenden Asset eine institutionell handelbare Anlageklasse mit Absicherungsmöglichkeiten.

Genau dieser Reifeprozess soll jetzt für Compute passieren – nur in komprimierter Zeit. Die Begründung von Galaxy Ventures liest sich fast wie ein Krypto-Investment-Thesis-Papier: kein Standard-Pricing, keine Forward-Kurven, keine Möglichkeit, Risiko zu hedgen. Neoclouds und Rechenzentren sitzen auf Milliarden Dollar an GPU-Hardware, ohne ihr Preis- und Restwertrisiko absichern zu können – strukturell dasselbe Problem, das Bitcoin-Miner und -Kreditgeber vor der Etablierung liquider Derivatemärkte hatten.

Warum das für Schweizer Krypto-Akteure relevant ist

Die Schweiz, insbesondere das Crypto Valley in Zug, hat sich über Jahre als Standort für Mining-Unternehmen, Krypto-Fonds und Blockchain-Infrastruktur positioniert. Viele dieser Akteure stehen heute vor derselben Frage wie die grossen US-Miner: Bleibt man bei Bitcoin-Mining, diversifiziert man Richtung AI-Hosting, oder beides parallel?

Wenn sich – wie Galaxy es mit Ornn vorantreibt – tatsächlich ein liquider, börsengehandelter Markt für GPU-Risiko etabliert, hat das direkte Folgen für die Bewertung von Rechenzentren-Assets, für Kreditvergabe gegen GPU-Sicherheiten und letztlich auch für Schweizer Mining- und Infrastrukturfirmen, die ihre Hardware oder Standorte für AI-Workloads vermieten.

Einordnung

Wichtig zur Einordnung: Ornn selbst hat nichts mit Bitcoin oder Krypto-Technologie zu tun – es ist ein klassisches Fintech-/Infrastruktur-Startup für den Compute-Markt. Der Krypto-Bezug entsteht ausschliesslich über Galaxy Digital als Investor und über die strukturelle Parallele zur Entwicklung der Bitcoin-Derivatemärkte. Dass aber gerade ein Krypto-Investmenthaus diese Wette eingeht, unterstreicht, wie eng Mining-Infrastruktur, Energie-Know-how und jetzt auch Finanzmarkt-Engineering aus der Krypto-Welt mit dem AI-Compute-Boom verschmelzen.

Mit geschätzten 650 Milliarden US-Dollar Compute-Ausgaben allein 2026 bei Google, Amazon, Meta und Microsoft – und einer Prognose von bis zu 7 Billionen Dollar bis 2030 – dürfte dieser Markt schnell wachsen. Ob daraus tatsächlich ein liquider Billionen-Dollar-Derivatemarkt wird, wie es bei Öl, Strom oder eben Bitcoin der Fall war, bleibt offen. Für Beobachter aus der Krypto- und Mining-Branche lohnt es sich aber, diese Entwicklung im Blick zu behalten.

Quelle:

By Christian Mäder

Publisher and Founder » Christian Mäder on LinkedIn Covering Bitcoin from Switzerland — in English and German. News, press releases, embargoes and story tips: christian@bitcoinnews.ch