Sa.. Okt. 10th, 2026

Stablecoins und Tokenized Deposits werden in der öffentlichen Diskussion häufig als konkurrierende Konzepte behandelt. Diese Gegenüberstellung ist aus funktionaler Sicht ungenau: Beide Instrumente adressieren unterschiedliche Problemstellungen im digitalen Finanzbereich und sind strukturell auf verschiedenen Ebenen des Geldsystems angesiedelt.

Tokenized Deposits sind Bankverbindlichkeiten auf einer Blockchain – sie bleiben Teil des regulierten Einlagensystems und eignen sich primär für Kreditvergabe, Sicherheitenstellung und inländische Finanzdienstleistungen. Stablecoins hingegen sind digitale Inhaberinstrumente ohne Kontobeziehung: internet-native, 24/7 verfügbar und grenzüberschreitend ohne Korrespondenzbanken einsetzbar. Die Unterschiede sind nicht gradueller, sondern struktureller Natur.

„Unternehmen werden in zehn Jahren keine Entweder-oder-Entscheidung treffen: Tokenisierte Einlagen für Kreditgeschäfte, Stablecoins für globale Liquidität, Bitcoin als langfristige Reserveanlage – alle drei Instrumente erfüllen unterschiedliche Funktionen.“

Drei Schichten, eine Architektur

Wer die nächste Dekade im Finanzbereich versteht, denkt nicht in Produkten, sondern in Ebenen. Die entstehende Infrastruktur für digitales Geld besteht aus drei komplementären Schichten:

Stablecoins und Tokenized Deposits sind keine Konkurrenten, sondern funktional komplementäre Instrumente, die gemeinsam mit Bitcoin eine dreischichtige digitale Geldarchitektur bilden.
Stablecoins und Tokenized Deposits sind keine Konkurrenten, sondern funktional komplementäre Instrumente, die gemeinsam mit Bitcoin eine dreischichtige digitale Geldarchitektur bilden.
  • 🏦 | Tokenized Deposits
    Bankverbindlichkeiten auf der Blockchain. Kreditvergabe, Sicherheiten, reguliertes Inlandsgeschäft.
  • 💲 | Stablecoins
    Digitale Inhaberpapiere. 24/7 globale Abwicklung, programmierbare Zahlungen, Machine-to-Machine.
  • ₿ | Bitcoin
    Neutrales, dezentrales Reserveanlage. Langfristiger Wertspeicher ohne Gegenparteirisiko.

Die eigentliche Disruption liegt nicht darin, dass Banken Einlagen auf Blockchains legen. Sie liegt darin, dass Geld interoperabel wird. Kapital, das heute durch Clearing-Häuser, Korrespondenzbanken und Zeitzonengrenzen fließt, wird in Echtzeit und grenzenlos beweglich.

Wer dominiert wo? Die 10-Jahres-Prognose

Die folgende Tabelle zeigt, wie sich Marktanteile in acht zentralen Anwendungsfällen bis 2036 verschieben könnten – von der Situation heute (2026) bis zur erwarteten Verteilung in zehn Jahren.

Marktanteil nach Anwendungsfall (Transaktionsvolumen)

Anwendungsfall Heute 2026
Stablecoins / Token. Dep.
Prognose 2036
Stablecoins / Token. Dep.
Führend 2036 Kernaussage
Inlandszahlungen

5%

95%

30%

70%

Banken Banken bleiben dominant, Stablecoins in Wallets eingebettet
Grenzübersch. Zahlungen

15%

85%

75%

25%

Stablecoins Stablecoins haben strukturellen Vorteil bei globalem Settlement
Corporate Treasury

2%

98%

45%

55%

Banken Mix aus Einlagen, Stablecoins und token. Geldmarktfonds
Trade Finance

10%

90%

40%

60%

Banken Banken führen bei Kredit, Stablecoins beim Settlement
Kapitalmärkte / Collateral

20%

80%

50%

50%

Gleich Koexistenz – beide werden für Kapitalmärkte unverzichtbar
Machine-to-Machine / KI

5%

95%

85%

15%

Stablecoins KI-Agenten brauchen 24/7-fähiges, API-natives Geld
Emerging Market Savings

80%

20%

90%

10%

Stablecoins Regulierte digitale Dollar – ohne US-Bankkonto
Digitales Dollar-Ökosystem – –

60%

40%

Stablecoins Stablecoins dominieren Settlement, Banken dominieren Kredit

Gegenparteirisiko: Verschieden, nicht gleich

Ein weit verbreiteter Irrtum: Stablecoins seien „riskanter“ als Bankeinlagen, oder umgekehrt. Das greift zu kurz. Die Risikostrukturen sind schlicht unterschiedlich.

Tokenized Deposits
  • Risiko beim emittierenden Institut
  • Einlagensicherung greift
  • Zentralbankfazilitäten verfügbar
  • Teil des Bankensystems
Stablecoins
  • Risiko bei Reserve-Assets
  • Abhängig vom Emittenten-Governance
  • Regulierungsrahmen im Aufbau
  • Keine klassische Einlagensicherung

„Sicherer“ oder „riskanter“ ist keine sinnvolle Kategorisierung. Es kommt darauf an, welches Risiko man in welchem Kontext tragen möchte – und kann.

Warum Stablecoins im globalen Settlement gewinnen

Für grenzüberschreitende Transaktionen, Echtzeitabwicklung und maschinellen Zahlungsverkehr hat die Stablecoin-Architektur strukturelle Vorteile, die Tokenized Deposits nicht replizieren können:

  • Offenes, interoperables Settlement-Layer ohne Korrespondenzbanken
  • 24/7 globale Verfügbarkeit ohne Zeitzonenlücken
  • Sofortige Finalisierung – kein T+2-Settlement
  • Internet-native und programmierbar (Smart Contracts, APIs)
  • Netzwerkeffekte analog zu TCP/IP für Geld

Das ist keine Produktverbesserung bestehender Systeme. Es ist eine neue Abwicklungsarchitektur.

Das Besondere an KI-Agenten-Zahlungen

Ein oft unterschätzter Treiber: autonome KI-Systeme. Wenn Software-Agenten eigenständig Dienste einkaufen, Gebühren zahlen und Ressourcen allokieren, benötigen sie ein Zahlungsmedium, das keine menschliche Bankfreigabe voraussetzt, rund um die Uhr funktioniert und programmatisch zugänglich ist.

Traditionelle Bankkonten – auch tokenisierte – sind für diesen Anwendungsfall strukturell ungeeignet. Stablecoins dagegen sind API-first konzipiert. Bis 2036 dürften 85% des Machine-to-Machine-Zahlungsvolumens über Stablecoins abgewickelt werden – ein Wachstum von heute 5%.

Das große Bild: 2036 in Zahlen

Stablecoins werden zum dominanten globalen Settlement-Asset. Tokenized Deposits bleiben das dominante Kredit- und Bankinstrument. Gemeinsam mit Bitcoin bilden beide den programmierbaren Finanzstack der Zukunft.

Es gibt keinen Sieger. Es gibt einen Stack.

  • 60% Stablecoins 2036
  • 40% Tokenized Deposits 2036
  • 3 Schichten im neuen Stack

Quellen:

  • IMF Discussion Paper (2025) — „Understanding Stablecoins“, Monetary and Capital Markets Department, IMF. Behandelt direkt den Vergleich von Stablecoins, Tokenized Deposits und CBDCs mit empirischen Daten zu grenzüberschreitenden Flows. → imf.org/-/media/files/publications/dp/2025/english/usea.pdf
  • BIS Annual Economic Report (2025) — „The next-generation monetary and financial system“, Chapter III. Legt die BIS-Position zu Tokenized Deposits als bevorzugtem Retail-Instrument und die kritische Einordnung von Stablecoins (Singleness, Elasticity, Integrity) dar. → bis.org
  • Buckley et al. (2026) — „The contest between CBDCs, stablecoins, and tokenized deposits: Which will likely win, and why?“, Capital Markets Law Journal, Vol. 21, Issue 2, Oxford Academic. Peer-reviewed, erschienen Juni 2026, mit Analyse des regulatorischen Schwenks durch den US GENIUS Act. → doi.org/10.1093/cmlj/kmag012

By Christian Mäder

Publisher and Founder » Christian Mäder on LinkedIn Covering Bitcoin from Switzerland — in English and German. News, press releases, embargoes and story tips: christian@bitcoinnews.ch