Di.. Okt. 13th, 2026

Eine Hackergruppe hat Supply-Chain-Angriffe zur Routine gemacht — und trifft ausgerechnet die Sicherheitstools, die uns schützen sollen. Ein Weckruf für alle, die mit Open-Source-Infrastruktur arbeiten. Was ist passiert?

Stell dir vor, das Schloss, das dein Haus schützen soll, wurde heimlich zur Falle umgebaut. Genau das hat die Hackergruppe TeamPCP im März 2026 mit einigen der meistgenutzten Security-Tools der IT-Welt getan. In einem koordinierten, eskalierenden Angriff kompromittierte die Gruppe innerhalb von nur neun Tagen vier weitverbreitete Open-Source-Projekte — und legte damit potenziell tausende Unternehmensumgebungen offen.

Für Bitcoin-Entwickler und alle, die in der Krypto-Infrastruktur arbeiten, ist das keine abstrakte Meldung: Viele der betroffenen Tools — von Vulnerability-Scannern bis zu KI-Gateways — stecken tief in denselben CI/CD-Pipelines, über die auch Bitcoin-Software gebaut, getestet und deployed wird.

Die Zahlen dahinter

  • Über 1’000 betroffene Enterprise-SaaS-Umgebungen
  • Mehr als 300 GB exfiltrierte Daten
  • Rund 500’000 gestohlene Credentials

Die Angriffskette: Jeder Hack ermöglichte den nächsten

Das Tückische an TeamPCPs Vorgehen: Die Gruppe stahl bei jedem Angriff Tokens und Credentials, die sie direkt als Hebel für den nächsten Schlag einsetzte.

19. März — Trivy (Aqua Security)

Trivy ist einer der verbreitetsten Vulnerability-Scanner für Container und CI/CD-Pipelines. TeamPCP kompromittierte Binary, GitHub-Actions-Workflow und Container-Images. Die Malware konnte Umgebungsvariablen, Cloud-Tokens und SSH-Keys aus Build-Umgebungen auslesen. Der Vorfall wurde als CVE-2026-33634 klassifiziert.

21.–23. März — KICS (Checkmarx)

Mit den bei Trivy gestohlenen GitHub-PATs überschrieb TeamPCP alle 35 Versions-Tags der KICS GitHub Action mit Backdoors. Die gestohlenen Daten wurden an checkmarx[.]zone geleitet — eine Typosquatting-Domain, die legitime Checkmarx-Infrastruktur imitiert.

24. März — LiteLLM (BerriAI, PyPI)

Versionen 1.82.7 und 1.82.8 des populären KI-Gateways auf PyPI enthielten Schadcode. Version 1.82.8 legte zusätzlich eine .pth-Datei ab (litellm_init.pth), die Python bei jedem Prozessstart automatisch ausführt — unabhängig davon, ob LiteLLM überhaupt im Code importiert wird.

27. März — Telnyx Python SDK (PyPI)

Schadhafte Versionen 4.87.1 und 4.87.2 des offiziellen Telnyx-SDKs erschienen auf PyPI. Der Angriff weitet sich damit von Security-Tools auf Kommunikationsinfrastruktur aus.

31. März — axios (npm)

Auch die populäre HTTP-Library axios für JavaScript wurde kompromittiert (Versionen 1.14.1 und 0.30.4). Ein Signal, dass die Kampagne weit über den Security-Bereich hinausgeht.

Was genau wurde gestohlen?

Das Verhalten der Malware war über alle Angriffe konsistent: Sie sammelte Cloud-Credentials, SSH-Keys, Kubernetes-Konfigurationsdateien und CI/CD-Secrets, verschlüsselte sie und leitete sie an Angreifer-Server weiter. Als primäre C2-Verbindung versagte, nutzte der Payload den eigenen GITHUB_TOKEN des Opfers, um ein verstecktes Repository namens docs-tpcp in der jeweiligen GitHub-Organisation anzulegen. In manchen Umgebungen wurde Kubernetes-Persistenz durch hochprivilegierte Pods hergestellt.

«TeamPCP nutzte eine entscheidende strukturelle Schwäche aus: Security-Scanning-Tools haben privilegierten Zugang in CI/CD-Pipelines — mit gleichzeitigem Zugriff auf Cloud-Credentials, Code-Repositories und Container-Infrastruktur. Das Kompromittieren eines Scanners exponiert alle erreichbaren Secrets im Pipeline-Kontext.»

Cloud Security Alliance Lab, April 2026

Was das mit Bitcoin zu tun hat

Bitcoin-Entwickler und Krypto-Teams sind keine Ausnahme — sie sind ein Hauptziel. Wer Node-Software, Wallets oder Exchange-Backends baut, verwendet dieselbe Open-Source-Toolchain: Trivy für Container-Scans, PyPI-Pakete für Backend-Services, GitHub Actions für automatisierte Deployments. Gestohlene Signing-Keys oder Cloud-Credentials könnten in diesem Kontext nicht nur Infrastruktur kompromittieren, sondern direkt finanzielle Mittel gefährden.

TeamPCP existiert erst seit Dezember 2025 — und kollaboriert inzwischen mit der Ransomware-Gruppe Vect, die im April 2026 ihr erstes Opfer auf einer Leak-Seite listete: ein Immobilientech-Unternehmen mit angeblich 4 Millionen exfiltrierten E-Mails und 700 GB Daten. Die Eskalationsgeschwindigkeit ist beispiellos.

Sofortmassnahmen — wer handeln muss

Wer zwischen Mitte März und Ende März 2026 eines der folgenden Tools eingesetzt hat, sollte alle pipeline-zugänglichen Credentials als kompromittiert betrachten und sofort rotieren:

  • Trivy um Version v0.69.4 (19.–21. März)
  • Checkmarx KICS GitHub Action (21.–24. März) → Update auf v2.1.20 oder neuer
  • LiteLLM v1.82.7 und v1.82.8 (24.–25. März)
  • Telnyx Python SDK v4.87.1 und v4.87.2 (27. März)
  • axios v1.14.1 und v0.30.4 (31. März)

Das strukturelle Problem: Vertrauen ist keine Sicherheitsstrategie

Die alte Weisheit der Open-Source-Welt — «genug Augen finden jeden Bug» — greift nicht mehr. Das Risiko ist konzentriert, Updates laufen automatisiert, und die Annahme, dass vielfach genutzte Tools per se sicher sind, erweist sich als fataler Irrtum.

CI/CD-Pipelines sind heute die lukrativsten Angriffsziele der Softwarewelt: Ein einziger kompromittierter Einstiegspunkt gibt Zugang zu hunderten Downstream-Systemen. Was fehlt, sind neue Sicherheitsstrategien: kryptografische Signierung von Releases, automatisiertes Monitoring von Paketregistries auf Verhaltensänderungen, und eine Kultur der minimalen Rechte auch in Build-Umgebungen.

Die Zeche zahlen am Ende nicht die Maintainer der Open-Source-Projekte — sondern die Unternehmen und Entwickler, die ihnen blind vertraut haben.

 

By Christian Mäder

Publisher and Founder » Christian Mäder on LinkedIn Covering Bitcoin from Switzerland — in English and German. News, press releases, embargoes and story tips: christian@bitcoinnews.ch