Die Vorstellung, dass einer Kryptobörse die Bitcoins ausgehen könnten, klingt zunächst paradox. Schließlich ist Bitcoin dezentral und nicht von einer einzelnen Institution abhängig. Doch bei genauerem Hinsehen wird klar, dass es durchaus Szenarien gibt, in denen die verfügbaren Bestände an Bitcoin auf zentralisierten Handelsplattformen knapp werden könnten – mit weitreichenden Folgen für Anleger und Märkte.
Die meisten Nutzer kaufen ihre Bitcoins nicht direkt von Minern, sondern über Börsen wie Binance, Coinbase oder Kraken. Diese Plattformen halten in ihren Wallets große Reserven, um jederzeit Käufe und Verkäufe abwickeln zu können. Doch genau diese Reserven sind nicht unbegrenzt. Wenn institutionelle Investoren, Hedgefonds oder ETFs massiv nachkaufen, sinken die auf Börsen gelagerten Bestände. Bereits in den vergangenen Jahren ließ sich beobachten, dass die sogenannten „Exchange Balances“ kontinuierlich schrumpfen, weil viele Anleger ihre Coins lieber auf Hardware-Wallets transferieren und langfristig halten.
Eine weitere Herausforderung entsteht durch die wachsende Nachfrage regulierter Finanzprodukte. Bitcoin-ETFs, wie sie in den USA oder Europa zugelassen wurden, benötigen physisch hinterlegte Bestände. Wenn Fondsmanager enorme Mengen an Bitcoin aufkaufen, verringert sich der freie Umlauf auf den Handelsplattformen. In Extremfällen könnte die Liquidität so stark sinken, dass der Handel träge oder gar unmöglich wird.
Natürlich bedeutet das nicht, dass Bitcoins als solche verschwinden würden – sie sind auf der Blockchain immer vorhanden. Doch die zentrale Frage lautet: Wo befinden sie sich? Wenn ein Großteil der Coins in den Wallets von Langzeit-Investoren oder Institutionen „eingesperrt“ ist, steigt die Wahrscheinlichkeit von Angebotsengpässen auf klassischen Börsen. Das Resultat wäre ein Preisanstieg, der vor allem Kleinanleger unter Druck setzen könnte.
Ein weiteres Risiko liegt in der Transparenz. Nicht alle Börsen legen offen, wie viele Bitcoins sie tatsächlich in Reserve halten. Der Zusammenbruch von FTX im Jahr 2022 hat gezeigt, dass vermeintlich große Plattformen Kundenbestände auch für andere Zwecke nutzen oder schlecht verwalten können. Ein plötzlicher Run auf Auszahlungen könnte dann offenbaren, dass die Börse gar nicht über genügend reale Bitcoins verfügt, um alle Ansprüche zu bedienen.
Am Ende lässt sich sagen: Den Börsen können zwar nicht im absoluten Sinn die Bitcoins „ausgehen“, doch sie können in Liquiditätsprobleme geraten, wenn Nachfrage und Abzug der Bestände zusammentreffen. Für Anleger bedeutet das, dass die Selbstverwahrung auf einer privaten Wallet mehr Sicherheit bietet, als sich ausschließlich auf Handelsplattformen zu verlassen. Die Knappheit von Bitcoin wird so nicht nur durch das begrenzte Angebot von 21 Millionen Coins bestimmt, sondern auch durch die Frage, wie viele davon tatsächlich noch im Umlauf und auf Börsen verfügbar sind.







