In Estland steigen die Preise – und das spürbar. Besonders Lebensmittel und alkoholfreie Getränke sind betroffen. Die Teuerung in diesem Bereich erreichte im Juni 2025 einen Wert von 8,4 Prozent, nachdem sie im Mai noch bei 7,1 Prozent lag. Die Gesamtinflation lag zuletzt bei 5,0 Prozent im Vergleich zum Vorjahr – und ein Ende scheint nicht in Sicht. Haupttreiber der Preissteigerungen: Steuererhöhungen, Importabhängigkeit und hohe Produktionskosten.
Der Direktor des Estnischen Instituts für Wirtschaftsforschung, Peeter Raudsepp, schlägt Alarm. Er sieht eine direkte Verbindung zwischen der Preisentwicklung und den Steuerplänen der Regierung. Bereits vor zwei Jahren habe man vor den Folgen gewarnt, so Raudsepp. Jetzt bewahrheite sich diese Prognose: Die jüngste Mehrwertsteuererhöhung zum 1. Juli sei nur ein weiteres Glied in einer Kette von Maßnahmen, die die Inflation weiter anheizen.
Ein besonderes Problem ist die starke Abhängigkeit Estlands von Lebensmittelimporten. Viele Produkte stammen aus dem Ausland und unterliegen daher den Schwankungen der globalen Märkte. Gleichzeitig schrumpfen die Verkaufszahlen im Einzelhandel – insbesondere seit dem ersten Quartal 2022. Die Umsätze gehen zurück, während Energiepreise, Löhne und regulatorische Auflagen steigen. Das Ergebnis: Händler schlagen höhere Kosten auf die Verbraucherpreise auf.
Laut Raudsepp haben einige Produkte bereits um mehr als 40 Prozent zugelegt. Der Preisanstieg verläuft dabei schleichend, nicht sprunghaft:
„Wenn wir zu Mittsommer aufs Land fahren, wird uns der Einkauf deutlich teurer kommen“
so Raudsepp. Mit steigender Nachfrage rund um den Feiertag würden Händler die Preise weiter erhöhen.
Besonders betroffen sind Familien mit mittlerem Einkommen. Menschen mit Kindern, Jobs, Hypotheken und Autoleasing-Verträgen geraten zunehmend unter Druck. Laut Umfragen geben inzwischen 20 Prozent der Haushalte an, ihre täglichen Ausgaben kaum noch decken zu können – Tendenz steigend. Viele greifen auf Ersparnisse zurück oder nehmen Konsumkredite auf, um über die Runden zu kommen.
Interessant ist auch, wie sich das Konsumverhalten verändert: Während große Kaufhäuser und Supermärkte Rückgänge verzeichnen, erleben Märkte, Kioske und Secondhand-Läden einen Aufschwung. Das sei kein Zeichen mangelnden Vertrauens, sondern Ausdruck fehlender Kaufkraft, so Raudsepp.
Ein weiteres Problem: Der Anteil estnischer Produzenten im Einzelhandel schrumpft. Immer mehr Produkte stammen aus dem Ausland.
„Wenn wir nicht in unsere eigene Lebensmittelproduktion investieren, gefährden wir langfristig unsere wirtschaftliche Unabhängigkeit“
warnt Raudsepp.
Ob sich die Lage bald bessert? Eher nicht. Zwar sprechen Politiker von einer wirtschaftlichen „Belebung“, doch Raudsepp bleibt skeptisch:
„Was derzeit wirklich steigt, sind die Preise. Und das immer schneller.“
Ein Ende des Preisdrucks ist für ihn nicht absehbar – zumal weitere Steuererhöhungen bereits angekündigt sind.







