Fr. Jul 1st, 2022

2009 im Iran und 2011 während des arabischen Frühlings wurde mit Twitter erstmals die Macht der sozialen Netzwerke deutlich. Mit ihnen ließen sich Massen bewegen und koordinieren.

„Zurzeit lässt sich im Ukraine-Krieg dieser Twitter-Moment für Kryptowährungen beobachten“

sagt Hartmut Giesen, Krypto-Experte bei der Hamburger Sutor Bank. Wie unter einem Brennglas würden die Möglichkeiten und Grenzen, und damit die janusköpfigen Chancen und Risiken von Kryptowährungen, klar.

Dabei geht es um zwei zusammenhängende, aber deutlich unterschiedliche Sachverhalte: zum einen dezentrale und deshalb krisenfeste Hochgeschwindigkeits-Infrastruktur für Geld- und Werttransfers, zum anderen die Funktion von Kryptowährungen als alternativer Wertspeicher zu Landeswährungen.

Blockchain als krisenresiliente Zahlungsinfrastruktur

Die dezentrale Blockchaininfrastruktur hat es der ukrainischen Regierung ermöglicht, den Krieg zum Teil mit einer Crowdfunding-Aktion durch Kryptowährungen zu finanzieren. Knapp 100 Millionen Euro in Kryptowährungen konnte die Ukraine durch einen Spendenaufruf inklusive Wallet-Adressen für verschiedene Coins und Token von Bitcoin bis Dogecoin einsammeln.

„Hier zeigt sich die Schnelligkeit von Kryptowährungen, die ohne Umwege über Banken jederzeit direkt zwischen den Beteiligten hin- und hergesendet werden können“

sagt Giesen. Und dies über wegen ihrer Dezentralität quasi unzerstörbare Wege – nur Strom und Internetverbindung sind notwendig. Hätte diese Aktion über traditionelle Bankennetze abgewickelt werden müssen, würde die Ukraine wahrscheinlich heute noch nicht über signifikante Spendengelder verfügen.

Über die Blockchaininfrastruktur lassen sich auch dann noch Kryptowerte transferieren, wenn es schon keine Bankeninfrastruktur mehr gibt.

„Wer rechtzeitig Geld in Kryptowerten geparkt hat – leider sind dies wahrscheinlich eher wenige ukrainische Bürgerinnen und Bürger –, kann dann zum Beispiel auf der Flucht darauf zurückgreifen“, sagt Giesen. „Einlagen, die bei einer ukrainischen Regionalbank liegen, sind im Zweifelsfalle schwieriger zu nutzen.“

Kryptowährungen als Safe Harbour bei Grosskrisen

Für andere Krisenkontexte steht eher die Wertaufbewahrungs- als die Werttransferfunktion im Mittelpunkt:

„Russische Bürger haben auf Binance, der weltweit grössten Kryptobörse, in den ersten Krisentagen zehnmal mehr Kryptowährungen pro Tag gekauft als zuvor. Nicht um Sanktionen zu umgehen, sondern um ihre Ersparnisse vor der Inflation zu schützen oder auch um zum Beispiel eine eigene Emigration vorzubereiten“

so Giesen. Wie schon in anderen Fällen weltweit zeige sich hier, dass Kryptowährungen durchaus als Alternative zu Währungen taugen, wenn es zu fundamentalen Verwerfungen in der (geld-) politischen Entwicklung kommt.

„Dezentrale Blockchains schaffen über Stablecoins den Zugang zu stabileren Währungen oder direkt zu Kryptowährungen, deren Volatilität im Kontext von Geldkrisen weniger ins Gewicht fällt“

so Giesen. Als sicherer Hafen bei weniger disruptiven Krisenverläufen, wie normalen Kapitalmarkteinbrüchen, haben sich Kryptowährungen dagegen eher nicht bewährt.

Zur Umgehung von Sanktionen sind Kryptowährungen weniger geeignet

Zur Umgehung von Sanktionen sind Kryptos dagegen weniger geeignet, auch wenn sie dazu in einigen Fällen dazu genutzt werden sollten. So können Oligarchen mit Bitcoin in der Regel keine Jachten oder Fussballklubs kaufen. Um ihren Reichtum nutzen zu können, benötigen sie Fiat-Geld, keine Kryptowährungen.

„Die Fiat-Krypto-Übergänge, also Börsen oder Händler, sind inzwischen aber so gut überwacht und reguliert, dass der Umtausch von grossen Kryptowährungssummen kaum mehr möglich ist, ohne die Herkunft der Kryptovermögen zu erklären“

sagt Giesen. Und alle westlichen Regierungen haben erklärt, dass die Regulierung hier noch enger wird.

„Das macht nicht nur den Umtausch in Fiat-Währung schwierig, es verhindert generell, dass größere Zahlungen in Kryptowerte angenommen werden, weil die zahlungsakzeptierende Partei die Summe kaum in Fiat-Währung gewechselt bekommt, wenn die Herkunft dubios ist”

erläutert Krypto-Experte Giesen weiter.

Darüber hinaus sind Transaktionen auf Blockchains maximal transparent.

„Man kennt zwar nicht unbedingt die Teilnehmer einer Blockchain, weil die Adressen der Wallets, in denen Kryptowährungen gehalten werden, pseudonym sind“

sagt Giesen. Aber die Bewegungen von Kryptocoins oder -token sind von ihrer Erzeugung bis zu ihrer aktuellen Wallet-Position lückenlos zu verfolgen. Intelligente Software ist inzwischen in der Lage, dubiose Transaktionen nicht nur zu identifizieren, sondern die Transaktionsmuster so auszuwerten, dass sie einzelnen Akteuren zugeordnet werden können.

„Und diese können dann durch Off-Chain-Ermittlungsarbeit identifiziert werden“

so Giesen.

Um Summen in sanktionsrelevanter Höhe zu bewegen, ob durch Staaten oder Privatpersonen, ist nach Ansicht von Hartmut Giesen zum Teil auch der Kryptowährungsmarkt gar nicht groß genug. Um die Größenordnungen zu verdeutlichen: Die täglichen Einnahmen Russlands aus Gas- und Öllieferungen betragen etwa 700 Millionen Euro. Das 24-Stunden-Handelsvolumen von Bitcoin und Ether kombiniert beträgt 26 Milliarden Euro.

„Wollte Russland also seine Einnahmen über irgendeinen nicht überwachten Weg in eine der beiden stärksten Kryptowährungen umtauschen, wären das gerundete drei Prozent des täglichen Handelsvolumens“

sagt Giesen.

„Der ‚Economist‘ hat treffend in einer Analyse zur Krisennutzung von Kryptowerten geschrieben: Es könnte sein, dass Kryptos weit nützlicher sind für diejenigen, die offen agieren, als für die, die sich im Schatten bewegen“

sagt Giesen.

„Vielleicht entwickelt sich das Anlegen einer Notfallreserve in Kryptos zu einem Gebot der privaten Krisenvorsorge“

ergänzt Giesen.

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